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WISSENSCHAFT

Wissenschaftlicher Überblick

Tierversuch liefert weiteren Puzzlestein

Die Forscher schließen, dass geringe Mengen alkoholischer Getränke den Abtransport problematischer und potenziell giftiger Substanzen aus dem Gehirn fördern und so das verminderte Demenzrisiko bei maßvollem Konsum alkoholischer Getränke erklären könnten.

Auch das Gehirn muss Stoffwechselabfälle und potenziell giftige Stoffe entsorgen, um sich zu schützen. Lange suchte man nach einer entsprechenden Drainage. Erst vor wenigen Jahren wurde das glymphatische System entdeckt, das mithilfe spezieller Flüssigkeitsbewegungen „Abfallprodukte“ in die Lymphgefäße des Körpers entsorgt, die sie dann zur Leber bringen, wo sie entgiftet werden können. Zu den unerwünschten und damit „entsorgungspflichtigen“ Substanzen des Gehirns gehören auch die nervenschädigenden ß-Amyloide und Tau-Fibrillen, die typische Kennzeichen verschiedener Demenzen sind. Ist ihr Abtransport gestört, können sie sich im Gehirn ablagern. Daher nimmt man an, dass ein gut funktionierendes glymphatisches System auch vor Alzheimer und anderen Demenzen schützt. 

J-förmige Beziehung auch bei Demenz

Beobachtungsstudien fanden schon mehrfach eine J-förmige Beziehung zwischen dem Konsum alkoholischer Getränke und dem Risiko, an einer Demenz zu erkranken: Ein maßvoller Konsum ging darin mit einem verminderten Risiko einher, während große Mengen alkoholischer Getränke und Missbrauch das Risiko für Demenzen aller Art deutlich erhöhen. Dies wurde erst kürzlich wieder in einer großen Studie aus Frankreich bestätigt (1). 

Ein internationales Forscherteam untersuchte jetzt an Mäusen, wie sich Alkohol auf das glymphatische System auswirkt (2). Dazu injizierte man den Tieren definierte Mengen an Ethanol ins Bauchfell und studierte die Auswirkungen auf die glymphatischen Flüssigkeitsbewegungen in verschiedenen Hirnregionen. Mit Hilfe von Markersubstanzen konnten die Veränderungen zudem in Hirnschnitten sichtbar gemacht werden. 

Große Mengen hemmen die Ausscheidung, geringe Mengen fördern sie

Wie erwartet fanden die Wissenschaftler negative Auswirkungen bei großen Ethanolgaben: Verabreichten sie den Tieren Mengen, die bei einem 70 kg schweren Menschen 8 oder 21 Standarddrinks täglich entsprechen würden, verschlechterte sich die Entgiftungsfunktion des glymphatischen Systems deutlich und es kam zu Entzündungsvorgängen. Ein Standarddrink entsprach in dieser Studie ca. 355 ml Bier mit 5 Volumen-% Alkohol oder ca. 150 ml Wein mit 12 Volumen-%. Auch eine chronische Zufuhr über 30 Tage bremste die Reinigung des Gehirns aus. 24 Stunden nach dem Absetzen der Injektionen hatte sich das System zwar erholt, jedoch nicht vollständig.

Zu ihrer Überraschung stellten die Forscher jedoch fest, dass geringe Ethanolmengen das glymphatische System anregten, also die Entgiftung des Gehirns förderten. Dies geschah auch im Hippocampus, jener Hirnregion, die mit dem Gedächtnis assoziiert ist und die bei Alzheimer oft zuerst Schaden nimmt. Zudem sanken die Entzündungswerte und die Tiere unterschieden sich bei kognitiven und motorischen Tests nicht von Mäusen, die keinen Alkohol erhalten hatten.

Die positiven Effekte waren sowohl nach einmaliger Gabe als auch nach 30 Tagen erkennbar. Die Dosis, die den Tieren verabreicht wurde, entspräche bei einem 70 Kilogramm schweren Menschen 2,6 Standarddrinks täglich. Die Forscher schließen, dass geringe Mengen alkoholischer Getränke den Abtransport problematischer und potenziell giftiger Substanzen aus dem Gehirn fördern und so das verminderte Demenzrisiko bei maßvollem Konsum alkoholischer Getränke erklären könnten. Ein weiterer Puzzlestein im Verständnis wie Alkohol bei Demenz wirken kann.

Quellen: Schwarzinger, M et al.: Contribution of alcohol use disorders to the burden of dementia in France 2008–13: a nationwide retrospective cohort study. Lancet Public Health 2018, doi:10.1016/S2468-2667(18)30031-8; Lundgaard, I et al.: Beneficial effects of low alcohol exposure, but adverse effects of high alcohol intake on glymphatic function. Scientific Reports 2018;8:2246

Erstellt am
Erkrankungen des Gehirns Alkoholmetabolismus

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