Kolumne
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Wissenschaftlicher Überblick

Juli 2019

Genuss ohne weibliche Benachteiligung - Ein Artikel zum Thema Alkoholabbau & was die Genetik damit zu tun hat.

Ups. Ich hab doch nur ein Glas Riesling getrunken und fühle mich schon ein wenig benebelt. Gründe dafür sind 35 Grad im Schatten, zu schnell getrunken, zu wenig Wasser, zu wenig gegessen. Nach wenigen Minuten geht ein Teil des im Wein enthaltenen Alkohols über die Mundschleimhaut direkt ins Blut und damit ins Gehirn, ohne - wie der weitaus größere Teil - die Leber zu passieren. Daher spüre ich den Alkohol schon, bevor die Leber ihre Arbeit begonnen hat.

Genetisch bedingt bauen Frauen den Alkohol schlechter ab und geben ihm zudem wegen ihres geringeren Körperwassers weniger Verteilungsraum als Männer. Demnach sollten sie den Weinkonsum ihrer Biologie anpassen. Ungerecht, aber nichts zu machen. Wenn sie bestimmte Trinkmuster beherzigen – wie der Konsum zur Mahlzeit und Wasser als Begleitung – können sie diesen Nachteil etwas ausgleichen. Grund ist, dass der Alkohol im Wein dann nicht so schnell anflutet. Es bleibt unterm Strich bei der gleichen Alkoholmenge, mit der die Leber zurechtkommen muss, aber es kommt pro Zeiteinheit weniger an. Dadurch kann das Alkohol abbauende Enzym, die Alkoholdehydrogenase (ADH) den ersten Oxidationsschritt zum Acetaldehyd im vorgegebenen Takt bewältigen.

Das versuchen wir, in unseren Wine in Moderation-Seminaren den Schülern und Studenten zu vermitteln. Aber auch, was passiert, wenn man es am Wochenende „so richtig krachen“ lässt. Ich bleibe biologisch: Die ADH ist zwar leistungsfähig, aber ziemlich unbeirrbar. Sie lässt sich nicht induzieren, d.h. sie arbeitet nicht schneller, wenn man geübt ist oder sie ordentlich fordert. Ich erkläre es angehenden Winzern und Önologen oft so, dass man sich die Leber wie einen Tank – mit Ein- und Abfluss – vorstellen muss. Wird oben genauso viel eingegeben wie unten abfließt, läuft der Tank nicht über.  Sollte er überlaufen – sprich die Leber kann pro Zeiteinheit nicht genug abbauen – wird ab etwa 0,8 Promille quasi als „Schnellentgiftung“ neben der ADH ein Notstromaggregat angeworfen, das so genannte MEOS-system (mikrosomal ethanoloxidierendes System). Dieses verstoffwechselt statt 0,1 bis 0,15 Promille pro Stunde oft stattliche 0,3 Promille. Auf den ersten Blick genial - birgt es allerdings große Gefahren. Denn dieses System generiert bei seiner Arbeit viele freie Sauerstoff-Radikale – die eigentlichen Verursacher der alkoholbezogenen Erkrankungen, wie Krebs. Dieses zweite System gilt es zu vermeiden, was mit Exzessen am Wochenende schwerfallen dürfte. Bei einem Promillewert von 2 ist der Körper gut vier Stunden unter Dauerbeschuss – bis die ADH wieder „alleine“ übernimmt. Und das kann in der Tat verheerende Folgen haben.

2 Promille hatte ich nach dem Glas Riesling nicht, aber ich habe die gesunden Trinkmuster nicht befolgt, den Alkohol in meinem Blut nicht genug verdünnt (Wasser) und ihn zu rasant anfluten lassen (ohne Mahlzeit), was mein Kopf schneller signalisiert hat als meine Leber. Gerade bei diesen sommerlichen Temperaturen gilt: Gegen den Durst erst ein Glas Wasser, dann zum Genuss das Glas Wein. In der Folge dann parallel genauso viel Wasser wie Wein. Etwas essen. Sich Zeit lassen, also genießen. Den 11-Volumenprozenter dem 15er vorziehen. Kurz: Der Leber nur so viel zuzumuten, wie sie über die ADH verkraften kann. Dann können Frauen an einem schönen Sommerabend ihren Wein ohne weibliche Benachteiligung genießen.

Erstellt am
Trinkmuster Alkoholmetabolismus

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