Kolumne
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Wissenschaftlicher Überblick

April 2020

Klitzekleines Virus mit riesengroßen Folgen - Ein Artikel zum Thema Virus, Bakterien und Wein.

Corona, Corona überall. Ich denke an unsere lange Zeit in der Sahelzone vor drei Jahrzehnten mit vielen Infektionsgefahren und ebenso vielen Gläsern - alles alkoholisch - jeden Abend, was uns relativ unbeschadet ließ. Das bringt mich zu der Recherche über Viren, Bakterien und Wein.

Wein, das Gemisch aus Ethanol und Polyphenolen – zwei potentielle Kämpfer gegen unerwünschte Erreger. Einerseits fördert er die Salzsäuresekretion im Magen, die alleine schon keimtötend wirkt, zum anderen macht er Bakterien und bestimmten Viren den Garaus; darüber hinaus sollen viele Weinphenole eine direkte antibakterielle und antivirale Wirkung haben.

Aber der Reihe nach: Da ist zum einen der Alkohol, der erwiesenermaßen bakterizid wirkt. Dem mittlerweile als Auslöser für ein Magengeschwür identifizierte Helicobacter-Bakterium rückt man heutzutage mit Antibiotika zu Leibe. Schon vor einigen Jahren zeigten in einer Untersuchung regelmäßige Weintrinker gegenüber der Normalbevölkerung eine um 42 Prozent erniedrigte Besiedlung des Helicobacter (Bier um 25 Prozent), ein klarer Hinweis auf antibakterielle Wirkung. Aber Corona ist ein Virus. Viren sind kleiner, brauchen einen Wirt und haben im Gegensatz zu Bakterien keine richtige Zellwand. Da Antibiotika die Bakterien über die Zellwand angreifen, helfen sie nicht bei Viren. Diese bestehen meistens nur aus ihrem Erbgut, das wie im Fall des Coronavirus in einer Hülle aus Proteinen eingeschlossen ist. Das Vorhandensein dieser Eiweißhülle ist ein wichtiges Kriterium bei der Wirkung von Desinfektionsmitteln, wie z.B. Ethanol. Wegen ihr sind behüllte Viren – anders als man zunächst denkt – einfacher zu deaktivieren als unbehüllte. Daher wirkt Alkohol nicht gegen z.B. das Norovirus oder Rhinoviren, beide ohne Proteinhülle.

Gegen Letztere, also banale Schnupfenviren, soll aber Rotwein wirken. Dies unterlegt eine Multicenterstudie an fünf spanischen Universitäten mit über 4000 Personen. Im Vergleich zu Abstinenzlern lag die Erkältungsrate von mäßigen Weintrinkern (14 Gläsern pro Woche) 40 Prozent niedriger. Bei Bier und Spirituosenliebhabern war kein Unterschied feststellbar. Das spricht für die antivirale Wirkung von Weinphenolen.

Vor allem das Phenol Resveratrol hat sich als effektiver Kämpfer gegen bestimmte Viren, wie menschliche Rhinoviren oder Influenza A-Viren gezeigt. Letztere, die Grippe-Viren, konnten wenigstens im Tierversuch durch Blockade eines Enzyms an ihrer Verbreitung im Körper gehindert werden. So zeigen weitere Untersuchungen in der Tat, dass einige Weinphenole über unterschiedliche Angriffspunkte in den Vermehrungsstadien eines Virus wirken. Manche verhindern das Andocken oder das Eindringen des Virus in die Wirtszelle. Andere wiederum stören die Herstellung und Zusammensetzung des Erbguts oder der Hülle.

Ob dies beim Coronavirus auch zutrifft, weiß keiner – alles rein hypothetisch. Aber in diesen Zeiten greift man nach jedem Strohhalm: Ethanol gegen eine bestimmte Art von Erregern, Polyphenole gegenüber einer anderen. Obwohl für eine echte virozide Wirkung die Konzentration sowohl des Alkohols als auch des Resveratrol im Wein wohl zu gering ist, scheint er derzeit nicht die schlechteste Wahl.

In diesen Tagen ist es schwierig, einen klaren Kopf zu bewahren. Aber man muss sich mit der noch nie dagewesenen Situation arrangieren und die bekannten Vorsorgeregeln befolgen. Das Gebot der Stunde: sich von Zuversicht, aber nicht vom Virus anstecken zu lassen.

Ich verzichte auf das Treffen mit Freunden, bleibe daheim, schaue mir die alten Afrikabilder an, und trinke ein Glas Spätburgunder – situationsbedingt auch zwei. Ob der Wein hilft? Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Aber schaden wird er auf keinen Fall.

Erstellt am
Phenolische Substanzen Allgemeine Gesundheitsaspekte Alkoholmetabolismus

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