Ein voller Erfolg

42. OIV-Kongress in Genf

Die Schweiz, die der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) seit 1934 angehört, war der hervorragende Gastgeber des 42. OIV-Kongresses und der 17. OIV-Generalversammlung.

Mitte Juli diskutierten 750 Fachleute aus 47 Staaten eine Woche lang die wissenschaftlichen, sozialen und umweltspezifischen Chancen der Branche und besuchten die Weinberge der Schweiz. Die OIV ist eine wissenschaftliche und technische zwischenstaatliche Einrichtung mit anerkannter Zuständigkeit in den Bereichen Rebe und Wein mit dem Ziel der Harmonisierung und weltweiten Unterstützung der Weinbaubranche.

von li. nach re.: Christian Schwörer (DWV), Gerhard Becker (BMEL), Dr. Claudia Stein-Hammer (DWA), Ursula Fradera (DWA), Dr. Alexander Tacer (Deutscher Sektverband)

Forschung & Praxis
In der stark vom Umbruch gezeichneten Branche spielen derartige Treffen zwischen Regierungsmitgliedern, Fachleuten und Berufswinzern wie der jährliche OIV-Kongress mehr als je zuvor eine zentrale Rolle. Nicht nur der Klimawandel, sondern auch die geänderten Erwartungen der Verbraucher in Bezug auf das Gesundheitswesen, die Rückverfolgbarkeit oder auch den Umweltschutz, stellen sie vor Herausforderungen. Im Sinne des zentralen Mottos „Bestehendes bewahren und Innovation wagen: ökologische, wirtschaftliche und soziale Erwartungen“ wurden auf dem diesjährigen OIV-Kongress in Genf neue Erkenntnisse durch Wissenschaft und Innovation im Hinblick auf eine nachhaltige Weinerzeugung vorgestellt und den Transfer von Forschung zu Praxis diskutiert.

Fast 200 Präsentationen und 150 Poster gaben einen Überblick über Problemstellungen und erfolgreiche Neuerungen in Weinbau und Önologie, bei Wirtschaft, Recht, Gesundheit und Sicherheit. Der wissenschaftliche Austausch stand im Vordergrund. Es kamen Redner aus über 40 Nationen zu Wort, also nicht nur aus Ländern, in denen der Weinbau traditionell großes Gewicht hat, wie Frankreich, Spanien und Italien, sondern auch aus Ländern wie Japan oder Bolivien oder den Abnehmerländern Dänemark und Großbritannien.

rechts im Bild: Ursula Fradera (DWA) und Prof. Dr. Nicolai Worm

Gesundheit & Ernährung
Neben önologischen und weinrechtlichen Themen wurden auch gesundheits- und ernährungsrelevante Fragestellungen, die der DWA besonders am Herzen liegen, diskutiert. So stand die Frage der Pestizid-Rückstände im Wein ebenso auf der Tagesordnung wie Alternativen zu SO2. Auch die positiven Effekte kamen in einem Kongress-Block zur Sprache. Beiträge zu antioxidativen Kapazitäten bestimmter Phenole sowie direkte günstige Effekte von Weißwein auf Blutgefäße und Leukozyten nach einem Herzinfarkt fanden gesteigerte Beachtung. Darüber hinaus hielt die DWA-Mitarbeiterin Ursula Fradera einen vielbeachteten Vortrag über den (oft fehlenden) Weg von Wissenschaft zu Medien und Politik. Anhand neuerer Studien und deren (Miss-)Interpretation machte Frau Fradera deutlich, dass über die Medien häufig die gesellschaftspolitische Evidenz eine wichtigere Rolle spielt als die wissenschaftliche. Anhänge, die oft das Gegenteil aussagen, was die Überschriften in den Medien suggerieren, werden z.B. nicht gelesen. Sie appellierte an die Forschergemeinschaft, sich mit den Studien sachlich, umfassend und mit weniger politischer Erwartungshaltung zu beschäftigen.

Ein ähnlicher Tenor setzte auch der DWA-Beirat Prof. Dr. Nicolai Worm mit seinem Referat über das brisante, aber ebenso differenzierte Thema Krebs. Natürlich steigere man das Risiko – vor allem für Brustkrebs und Karzinome im Hals- und Rachenbereich – wenn über längere Zeit stets zu viel an Wein, Bier und Spirituosen konsumiert wird. Allerdings liegen keine, ja sogar anticancerogene Einflüsse bei moderater Dosis auf bestimmte andere Krebsarten, wie z.B. der Niere vor. Weintrinker haben nach aktueller Datenlage insgesamt eindeutig bessere Karten, vor allem wenn der Weingenuss innerhalb einer mediterranen Ernährung gepflegt wird.

Weinbau in der Schweiz
Auf dem Programm standen neben dem wissenschaftlichen Austausch auch die Heranführung an das schweizerische Kulturerbe im Weinbau. So bildeten Treffen zwischen der heimischen Weinwirtschaft und den internationalen Fachleuten überall im Land besondere Schwerpunkte. Anlässlich von gesellschaftlichen Veranstaltungen in Genf und in den Kantonen der französischen Schweiz wurden die sechs Weinbaugebiete der Schweiz einzeln vorgestellt. Dabei bestand die einmalige Gelegenheit, original Schweizer Weine, die im Ausland kaum erhältlich sind, zu probieren (nicht einmal 1 % der jährlichen Erzeugungsmenge wird exportiert). Durch fachliche Besuche im Drei-Seen­Land, in den Kantonen Waadt und Wallis erhielten die Teilnehmer Einblick in die Chancen und Risiken der Branche, um die Traditionen und das Know-how der schweizerischen Weinbranche bei der Erzeugung wie auch in Forschung und Ausbildung zu verstehen.

Für den würdigen Ausklang der Woche sorgte eine weltweit einzigartige Aufführung bei der „Fête des Vignerons“ (Winzerfest) in Vevey am Genfer See, die nur alle 25 Jahre stattfindet. Die Aufführung mit 5000 Laien aus der Region zählt zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Die Fête des Vignerons ist eine Hommage an die Weinbaukultur einer ganzen Region, die seit Jahrhunderten mit einer spektakulären Aufführung und der Krönung der Weinbauern und Rebarbeiter zelebriert wird. Ein wahres Erlebnis zum Abschluss der doch recht anstrengenden Woche in einem äußerst gastfreundlichen Land.

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