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Der Wein erzählt Geschichte(n) Folge 14

Vom Nutzen des Weines – Ratschläge vor rund 400 Jahren

Wer sich mit historischen Texten beschäftigt, mag darin Erfahrungen suchen, die für das Heute und Morgen hilfreich sein können. Aber nicht alle Lehren der Vergangenheit sind auf die aktuellen Fragen und Herausforderungen übertragbar und nutzbar. Und doch können sie Vergnügen und gute Laune bescheren, was in dieser krisengeprägten Zeit auch hilfreich sein kann.

So ist es auch mit dem heutigen Text, der rund 400 Jahre alt ist. Er stammt von Johann Coler (1566-1639), deutscher protestantischer Pfarrer, Laienmediziner und wichtigster Vertreter der frühen Hausväterliteratur. Dabei handelt es sich um die Anfänge einer Ratgeberliteratur, die sich nicht nur mit der Haushaltsführung und der Landwirtschaft, sondern auch mit Regeln für Familie, Ehe und Kindererziehung sowie dem Umgang mit dem Personal beschäftigte. Sie war vom 16. bis zum 18. Jahrhundert weit verbreitet und richtete sich an die gebildeten Besitzer von Landgütern und vor allem an Adlige. 

Wein hilft, die Temperamente der Menschen zu erkennen

Das fast 1000 Seiten starke Werk Oeconomia, ruralis et domestica von Johannes Coler beinhaltet auch ein großes Kapitel über den Wein, seine Herstellung und seinen Konsum. In einem Abschnitt über Wein und Trunkenheit bezeichnete Coler den Rebensaft als einen rechten Spürhund. Coler war ein Anhänger der Temperamentenlehre, die vier Temperamente (Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker und Melancholiker) unterschied. Auf dieser Grundlage gab er die Empfehlung: Wenn du etwas über einen Menschen erfahren willst, dann gib ihm Wein zu trinken und zwar so viel, dass er betrunken wird. (Hinweis: hier werden die Grenzen der Übertragbarkeit von alten Empfehlungen sehr deutlich!) Coler war der Auffassung, dass man auf diesem Wege bald erfahren könne, was der Mensch für einen Hasen im Busen hat, mit langen oder kurzen Ohren. Was für eine wunderbare alte Metapher, die nicht einmal ganz verloren gegangen ist, denn auch heute sprechen wir von einem Hasenherz, wenn wir von einem furchtsamen Menschen sprechen. Und Coler erläuterte weiter: Wenn der Betrunkene beginnt zu weinen oder zu beten oder zu spekulieren, dann handelt es sich um einen Melancholiker. Die Sanguiniker wollen tanzen und buhlen. Wenn der Betrunkene beginnt zu raufen, dann haben wir es mit einem Choleriker zu tun. Wird er jedoch faul und schlapp, dann handelt es sich um einen Phlegmatiker.

Vom Nutzen des Weines und angemessenen Trinkmustern

Dies sind jedoch nur Nebenbetrachtungen von Johann Coler. Im Wesentlichen breitete er sich auf mehreren Seiten über den Nutzen des Weines aus, betonte dann zusammenfassend: wenn Wein mäßig genossen wird, dann ist er ein edler Saft, der nicht nur für Leib und Glieder, sondern auch für die Seele von Nutzen ist. Denn er bewirkt, mäßig genossen, dass die Menschen ihre Traurigkeit und ihre Schmerzen vergessen. Er schärft den Verstand und er macht den Menschen geschickt, allerlei schwere und subtile Dinge zu erfinden. Der moderate Weingenuss macht die Menschen beherzt und mutig. Coler präzisierte seine Empfehlungen auch für verschiedene Gruppen. Moderater Konsum empfahl er insbesondere alten Menschen (in seiner Zeit hieß dies 50+), denn der Wein gibt Wärme den Alten, die mit den Jahren erkühlen. Gerade für sie sei es wichtig, Trübsal und Traurigkeit abzuwenden. Auch für Gesellen und Männer zwischen 20 und 50 Jahren empfahl er Wein, wenn sie ihn fein mäßig genießen. Ausdrücklich warnte er vor einem zu viel des Trinkens. Denn dies führe zu Zorn und Unzucht sowie zur Unvernunft im Handeln. Ebenso gab er den Rat, den Kindern keinen Wein zu geben, entgegen einer durchaus verbreiteten Praxis in seiner Zeit. Und auch bei einem weiteren Ratschlag lag er nicht weit entfernt von den heutigen Empfehlungen der DWA: er empfahl den Konsumenten, den Weingenuss den Jahreszeiten anzupassen und unterschiedliche Mischungen von Wein mit Wasser vorzunehmen, heute heißt die Empfehlung, beim Weingenuss stets auch eine angemessene Menge Wasser zu trinken. Es ist immer wieder erstaunlich festzustellen, wie sehr historische Erfahrungen mit modernen Erkenntnissen übereinstimmen.  

Quelle: Johann Coler: Oeconomia, ruralis et domestica. Band 1, Mainz 1645. 

Dr. Rudolf Nickenig, Remagen
August 2025

Erstellt am
Kultur & Gesellschaft Der Wein erzählt Geschichte(n) 2025