Fachliche Stellungnahme

Krebs

Alkoholische Getränke / Wein und Krebsrisiko ist ein ambivalentes Thema. Nach Stand der aktuellen Forschung (2019) ergibt sich folgendes Bild:

  1. Nicht der Alkohol/Ethanol, sondern sein Abbauprodukt -  Acetaldehyd - ist kanzerogen und mutagen.

  2. Bei leichtem Konsum (bis zu einem Drink pro Tag) ist das Gesamt-Krebs-Risiko nicht erhöht, sondern eher reduziert (siehe unten).

  3. Ab etwa zwei Drinks pro Tag beobachtet man einen kurvilinearen Anstieg des Gesamt-Krebs-Risikos. 

  4. Für die Inzidenz von alkoholassoziierten Krebsarten findet sich eine direkte, zum Teil lineare oder kurvilineare Assoziation mit der Höhe des Alkoholkonsums. Das sind die Krebsarten des oberen Verdauungstraktes (Mund, Gaumen, Kehlkopf, Speiseröhre) sowie auch Leber-, Bauchspeicheldrüsen-, Brust- und Dickdarmkrebs. 

  5. Für Lymphdrüsen- (Non-Hodgkin-Lymphom), Nieren-, Schilddrüsen- und Prostatakrebs findet sich bei leichtem Konsum eine inverse Assoziation bzw. ein erniedrigtes Risiko mit dem Konsum alkoholischer Getränke. Mögliche Mechanismen dafür sind bislang unzureichend geklärt.

  6. Für alle anderen Krebsarten findet sich bei der Mehrzahl epidemiologischer Studien keine Assoziation mit leichtem bis moderatem Alkoholkonsum.

  7. Der Einfluss unterschiedlicher Trinkmuster auf das Krebsrisiko sind nicht hinreichend erforscht.

  8. Nur unzureichend überprüft ist der Zusammenhang zwischen alkoholassoziierten Krebsformen und dem Konsum von Wein und anderen alkoholischen Getränken. Epidemiologische Studien können auch so genannten Störfaktoren (Confounding), die sich aus unterschiedlicher Sozial- schicht, Bildungsgrad, körperlicher Aktivität, Ernährungsgewohnheiten Trinkmustern etc. ergeben, nicht hinreichend erfassen und berücksichtigen. Langzeitbeobachtungsstudien haben aber immer wieder Unterschiede zwischen den Getränkearten erkennen lassen. Dabei wurde häufig bei leichtem bis moderatem Konsum von Wein eine schwächere Assoziation oder zum Teil kein Zusammenhang mit alkoholassoziierten Krebsarten gefunden.

  9. Im Rahmen einer mediterranen Ernährung ist bei einem (moderaten) Konsum von bis zu zwei Drinks/Tag (typischerweise zum Essen) das Krebsrisiko signifikant gesenkt (siehe unten).

  10. Die beschriebenen Beobachtungen geben prinzipiell nur Korrelationen bzw. rechnerische Zusammenhänge wieder. Daraus lässt sich weder ein kausaler Zusammenhang ableiten noch ein direkter Rückschluss auf das individuelle Risiko ziehen.

DETAILBEWERTUNGEN

Das Risiko für alkoholassoziierte Krebsarten steigt in Langzeitbeobachtungsstudien bei Frauen schon ab wenigen Gramm pro Tag, hingegen bei Männern erst ab etwa 15 Gramm pro Tag (1). Allerdings ist in der Mehrzahl dieser Kohortenstudien der Einfluss des Confounding durch Lebensstil- und Ernährungsfaktoren und andere wesentliche Lebensstilfaktoren nicht hinreichend berücksichtigt worden.

Die Krebsarten des oberen Verdauungstraktes, aber auch Bauchspeicheldrüsenkrebs sind relativ seltene Erkrankungen. Anstiege im relativen Risiko geben keine Auskunft über das absolute bzw. attributable Risiko für die Gesundheitssituation in Deutschland. Ein erhöhtes Risiko für Krebsarten des oberen Verdauungstraktes besteht vor allem in der Kombination mit dem Rauchen, wofür biologisch plausible Mechanismen vorliegen. Diese Interaktion ist besonders deutlich bei Speiseröhrenkrebs beobachtbar.

Brustkrebs ist die häufigste Krebsform bei Frauen. Gleichzeitig ist Brustkrebs von allen alkoholassoziierten Krebsarten die mit engsten Zusammenhang in Form einer Dosis-Wirkung-Beziehung. Die Erhöhungen der Relativen Risiken bei leichtem bis mäßigem Alkoholkonsum sind zwar nur gering (RR 1,1 bis 1,5), aber diese Relativen Risiken beziehen sich auf eine häufig auftretende schwere Erkrankung. So müssen relativ hohe attributable Risiken erwartet werden. Co-Faktoren und spielen dennoch eine wichtige Rolle: Das erhöhtes Risiko zeigt sich vor allem bei Frauen mit bestimmter genetischer Disposition, mit unzureichender Versorgung von Folsäure, bei Östrogen-Überschuss, unter Hormon-Ersatz-Therapie, bei Übergewicht und bei Raucherinnen.

Dass niedriger Wein- bzw. Alkoholkonsum für alkoholassoziierte Krebserkrankungen kein oder sogar ein gemindertes Risiko mit sich bringt, wird aber in einigen Studien diskutiert (2-5). Die Auswertung zweier großer Langzeitbeoachtungsstudien aus den USA (Nurses’ Health Study und Health Professionals Study) fand für moderaten bzw. sogar für höheren Weinkonsum keinen signifikanten Zusammenhang mit alkoholassoziierten Krebserkrankungen (4). Als möglicher protektiver Wirkmechanismus wird die antikanzerogene Wirkung weinspezifischer phenolischer Substanzen diskutiert. Bislang sind solche präventiven Effekte phenolischer Substanzen aber nur tierexperimentell belegt worden. Weiterhin wird diskutiert, ob ein geringeres Krebsrisiko bei Weintrinkern im Vergleich zu Konsumenten anderer alkoholischer Getränke über unterschiedliche Trinkmuster und gesündere Ernährungs- und Lebensweisen erklärbar ist.

Das Krebsrisiko darf nicht isoliert betrachtet werden. Erhöhte Risiken im Krebsbereich stehen geminderten Risiken bei Herz-Kreislauferkrankungen gegenüber, welche immer noch den Großteil der Todesursachen darstellen (5). Entscheidend ist demnach der Einfluss des Alkoholkonsums auf die Gesamtsterblichkeit. Die umfassendste Metaanalyse zu dieser Fragestellung hatte 84 Langzeitbeobachtungsstudien aus allen Teilen der Welt einbezogen. Demnach ist im Vergleich zu Abstinenz das Risiko für die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit bei Alkoholkonsum im Mittel um 25 % gesenkt. Die Dosis, die das geringste Risiko anzeigt, liegt im Bereich von 15 bis 30 g Alkohol pro Tag, wobei der niedrigere Bereich Frauen zuzuordnen ist. Bei einem Konsum von bis zu 15 g Alkohol pro Tag ergibt sich darüber hinaus auch eine signifikante Senkung der Gesamtsterblichkeit um 13 Prozent (6).

In der Ernährungsmedizin setzt sich inzwischen die Position durch, dass grundsätzlich nicht Effekte einzelner Nährstoffe oder Nahrungsmittel untersucht werden sollten, sondern das Ernährungsmuster insgesamt. So hat eine Meta-Analyse, die 83 Studien einbezogen hat, analysiert, wie sich ein mediterranes Ernährungsmuster auf das Krebsrisiko beziehungsweise auf die Krebssterblichkeit auswirkt (7). Dabei wird der tägliche Konsum von zwei Gläsern Wein zum Essen (ca. 150 ml) als Merkmal einbezogen. Die zusammenfassende Auswertung der Daten von über zwei Millionen Menschen ergab ein um 14% signifikant verringertes Risiko, an Krebs zu versterben bei jenen, die den Vorgaben für eine mediterrane Ernährung am nächsten kamen. So fanden sich signifikant verringerte Krebsrisiken vor allem dann, wenn vermehrt Obst (-7%), Gemüse (-4%), Vollkornprodukte (-9%) und moderate Mengen alkoholischer Getränke (-11%) - in erster Linie Wein - genossen wurden.

Damit wird evident, dass bei einem mediterranen Ernährungsmuster das Zusammenspiel ihrer vielfältigen Bestandteile entscheidend für das Gesamt-Risiko ist und dass für die Mittelmeerkost typische Lebensmittel und ein moderater Weinkonsum in diesem Rahmen einen positiven Beitrag leisten kann (7, 8).

FAZIT

Bei leichtem bis moderatem Alkoholkonsum sollten neben den teilweise erhöhten Risiken für alkoholassoziierte Krebserkrankungen auch die protektiven Effekte im Herz-Kreislauf-Bereich Beachtung finden.

Entscheidend bei der Beurteilung des Alkohol- bzw. Weinkonsums ist die Betrachtung der Gesamtsterblichkeit. In der Summe hat moderater Alkohol- und insbesondere Weinkonsum bei Erwachsenen über 40 Jahren mehr Vor- als Nachteile auf die Gesundheit.

Leichter bis moderater Weinkonsum im Rahmen einer mediterran ausgerichteten Ernährung ist nicht mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert.

In Anlehnung an die Empfehlungen des World Cancer Research Fund und anderer internationaler wissenschaftlicher Institutionen sind Alkoholmengen von bis zu 15 bzw. 20 g für die Frau und bis zu 30 g für den Mann pro Tag mit keinem nennenswerten Krebsrisiko verbunden.

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