kolumne nachgeforscht

Wein im Alter – warum nicht (mehr)?

Das heutige 80 ist das neue 60. In die Jahre gekommene Senior*innen färben ihre grauen Haare und nehmen sich modisch ein Beispiel an der jüngeren Generation, Sie bereisen ferne Orte, treiben Sport, nutzen das Internet, verlieben sich über Datingportale und/oder genießen – sofern das nötige Geld dafür vorhanden ist – das Leben mit kulturellen und freudebringenden Aktivitäten. Zu Letzterem kann auch gesundheitsbewusstes Essen, bei einem guten Glas Wein, gehören.

Kommt man in Altenheimen oder Seniorenresidenzen, überall das Gleiche: Menschen, die auch mit über 80 noch nicht zum alten Eisen gehören wollen und die sich schwertun, Gleichgesinnte für eine angenehme Zeit zu zweit finden. Umso mehr freut es mich, von dem weihnachtsbesuchten Professor zu hören, dass er die Flasche mitgebrachten Wein mit seinem Wohnungsnachbarn in der Residenz teilen wird, mit dem man so prima über Leben, Politik, Musik und… reden kann. Das ist der richtige Ansatz. Und nicht nur für die Seele sondern auch für den Körper durchaus zu empfehlen.

In früheren Zeiten haben Ärzte gerade älteren Menschen das Glas Wein gegönnt, ja seinen Konsum sogar befürwortet. Es gab Weine in Spitälern – quasi auf Krankenschein. Wein galt als die Milch der Greise und noch vor 20 Jahren wurde Senioren trotz pharmazeutischer Fortschritte Wein als Vielzweckmittel in moderaten Dosen empfohlen, auch um neben der Lebensfreude die Lebensqualität der alten Tage zu verbessern. Das traut sich heute kaum mehr ein Arzt offen auszusprechen. Obwohl gerade für ältere Menschen die wissenschaftlich basierten Erkenntnisse gelten, dass leichter bis mäßiger Weinkonsum die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf–Erkrankungen, Demenz und Diabetes zu senken vermag. So ist es unstrittig, dass ein wenig Wein das gute HDL-Cholesterin erhöht und die Thromboseneigung des Blutes mindert. Beim Diabetes kommt noch hinzu, dass Wein die Sensibilität der Zellen für das Hormon Insulin verbessert, ein wichtiger Punkt für Entstehung einer Zuckerkrankheit.

Tempora mutantur. Die Zeiten ändern sich. Und zwar um 180 Grad. Die Medizin stützt sich zunehmend auf Fakten, die eher den Namen fake news verdienen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Zunehmend liest man über Alkoholsucht im Alter oder alkoholbezogene Intervention in der stationären Pflege. Ein Beispiel aus den Medien: Die 85-jährige Frau L. lebt im betreuten Wohnen einer Seniorenresidenz. Seit 65 Jahren konsumiert sie regelmäßig Alkohol, bis zu zwei Flaschen Schnaps und einer Flasche Sekt am Tag. Das ist in der Tat nicht moderat und es wundert, dass sie mit solch einem Konsum so alt geworden ist.

Dies ist allerdings eine ganz andere Baustelle als ein oder zwei Gläser Wein zum Abendessen. Die Sorge, dass man hier Sucht im Alter Vorschub leistet, ist meines Erachtens nicht größer als in früheren Jahren, im Gegenteil. Kaum ein Senior meines Bekanntenkreises trinkt im Alter mehr als er Zeit seines Lebens getrunken hat. Die meisten nehmen Medikamente und wissen, dass sie aufgrund der körperlichen Veränderungen weniger vertragen – was sie auch berücksichtigen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, wenn ein Senior jeden Abend allein vor dem TV drei Flaschen Wein trinkt, ist das natürlich ein bedenkliches Trinkmuster. Aber wenn er mit einer Seniorin sich jeden Abend zum Glas Wein trifft, ist das für alles gut - Körper und Seele - und meines Erachtens recht weit weg von Abhängigkeit oder gar Sucht. Santé, Prosit- oder einfach nur zum Wohl!