Wissenschaftlicher Überblick

Diabetes mellitus

Immer mehr Menschen erkranken an Typ 2 Diabetes („Alterszucker“, Altersdiabetes). Allein in Deutschland gibt es inzwischen rund sieben Millionen Betroffene, weltweit sollen es bis 2030 knapp eine halbe Milliarde sein (Stand: 2016)1. Die chronisch erhöhte Blutzuckerkonzentration bei dieser Stoffwechselstörung hat dramatische gesundheitliche Konsequenzen. So ist das Risiko, einen Herz- oder Hirninfarkt zu erleiden, bei Diabetikern etwa viermal höher als bei Menschen mit normalem Zuckerstoffwechsel. 

Häufig wird Diabetikern empfohlen, ganz auf alkoholische Getränke zu verzichten. Deren regelmäßiger Konsum erschwere die Blutzuckerkontrolle und fördere damit Risiken für Folgeerkrankungen. Diese Empfehlungen sind aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht mehr angezeigt, möglicherweise sogar kontraproduktiv. So zeigt eine Vielzahl neuer Studien nicht nur, dass der moderate Alkoholkonsum das Risiko senkt, einen Typ 2 Diabetes mellitus zu entwickeln1. Sie verdeutlicht auch, dass bei bereits bestehendem Diabetes das Risiko für Spät- und Folgeschäden geringer ist und sich die Langzeitprognose2 verbessert. Auch die Blutzuckerkontrolle ist nicht gefährdet. 

RISIKOFAKTOREN FÜR DIE ENTSTEHUNG EINES TYP 2 DIABETES

Bei Typ 2 Diabetes wirken mehrere erbliche und nichterbliche Faktoren zusammen: Aus Vergleichsbeobachtungen an Zwillingen ist bekannt, dass die Vererbung eine wichtige Rolle spielt. So beträgt das Erkrankungsrisiko für eineiige Zwillinge von Typ 2 Diabetikern 50–90%. Neben der genetischen Komponente spielen für die Auslösung eines Typ 2 Diabetes folgende Faktoren eine entscheidende Rolle:

  • Fehlernährung 
  • Übergewicht 
  • Bewegungsmangel 
  • Zigarettenrauchen 
  • Bluthochdruck 
  • höheres Lebensalter

In Folge dieser und der erblichen Faktoren sprechen die Körperzellen weniger auf Insulin an (=Insulinresistenz). Zu Beginn der Resistenz kann der Körper den Mehrbedarf noch durch eine erhöhte Produktion des Hormons ausgleichen und so den Blutzuckerspiegel im Normbereich halten. Nach einiger Zeit erschöpft sich jedoch die Insulinproduktion. Es entsteht zunächst ein überhöhter und verlängerter Blutzuckeranstieg nach Zuckeraufnahme (gestörte Glukosetoleranz) und schließlich ein manifester Typ 2 Diabetes.

Mit einem gesunden Lebensstil lassen sich viele der typischen Diabetes-Risiken senken. Das zeigt auch eine Veröffentlichung der ATTICA-Studie: Ein geringer Konsum alkoholischer Getränke ging bei gesunden Probanden mit einem um 53% verminderten 10-Jahresrisiko für Diabetes einher. Wurde mehr oder nicht getrunken, hatte dies keinen eindeutigen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko. Ein maßvoller Genuss alkoholischer Getränke stellt damit einen eigenständigen Schutzfaktor im Rahmen einer gesunden Lebensweise dar. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine chinesische Metaanalyse: Von einem deutlich verminderten Diabetes-Risiko bei leichtem bis moderatem Konsum alkoholischer Getränke profitierten dabei alle Untergruppen der Studie, unabhängig von Alter, Geschlecht, Rauchverhalten, Körpermassenindex (BMI), sportlicher Aktivität oder familiärer Vorbelastung.

Die Wirkung des Alkohols hängt jedoch nicht nur von der konsumierten Menge ab. Eine weitere chinesische Studie zeigt, dass auch die Art des Getränks entscheidend ist. So scheint ein regelmäßiger Weingenuss besser zur Diabetes-Prophylaxe geeignet zu sein als Bier oder Spirituosen. Die Autoren erklären sich diesen Zusammenhang mit den zahlreichen protektiven Wirkungen der Weinphenole.1

SPÄT- UND FOLGESCHÄDEN

Ein schlecht eingestellter Typ 2 Diabetes erhöht das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle, Blindheit, dialysepflichtige Nierenleiden und Gefäßverschlüsse in den Beinen deutlich. Eine aktuelle Literaturauswertung eines interdisziplinären Teams von Wissenschaftlern kommt zu dem Ergebnis, dass mehrere Ernährungsformen günstige Auswirkungen auf den Erkrankungsverlauf bei Diabetes und auf die assoziierten Risikofaktoren für Folgeerkankungen haben. In einem Vergleich von acht Essmustern schnitt die mediterrane Ernährung besonders gut ab. Sie ist nicht nur die einzige, die moderaten Weinkonsum einschließt, sie geht auch als einzige mit einem verringerten Herz-Kreislauf-Risiko unter Diabetikern einher.2 

Die Studie führte letztendlich zu einem Konsensuspapier der US-amerikanischen Diabetesgesellschaft (ADA), das nun moderaten Weingenuss in die Ernährungstherapie von Diabetikern einschließt. Dieser Konsens basiert auf der Erkenntnis, dass ein moderater Konsum, insbesondere zu einer Mahlzeit, so wie es im Rahmen der mediterranen Ernährung üblich ist, die Zuckerkontrolle von Diabetikern nicht beeinträchtigt. Auch wird dadurch das Risiko einer verzögerten Unterzuckerung minimiert. Erst bei einem hohen Konsum von mehr als 2 Drinks / Tag bei Diabetikerinnen und mehr als 3 Drinks / Tag bei Diabetikern könne die Glukosekontrolle beeinträchtigt werden (ein Drink entspricht dabei 15 g Alkohol oder 150 ml Wein).2

Die weltweit größte Diabetikerstudie ADVANCE (Action in Diabetes and Vascular Disease) kommt zu einem ähnlich interessanten Ergebnis: Neben angemessener körperlicher Bewegung und angepasster Ernährung kann auch ein moderater Konsum alkoholischer Getränke (insbesondere von Wein) Spät- und Folgeschäden an den Blutgefäßen verringern. So lagen bei maßvollem Genuss gegenüber Abstinenzlern deutlich weniger Herz- und Hirninfarkte, weniger Augen- und Nierenschäden und eine niedrigere Gesamtsterblichkeit vor. Wurde überwiegend Wein getrunken, war die Risikosenkung für ein Herz-Kreislauf-Ereignis und die Gesamtsterblichkeit noch ausgeprägter.2

Möglicherweise kommt es durch moderaten Weingenuss zu einem Rückgang arteriosklerotischer Ablagerungen (Plaques). Das lässt zumindest die israelische CASCADE-Studie vermuten. Ultraschallmessungen an den Halsschlagadern von Typ-2-Diabetikern ergaben, dass es bei einem Glas Wein pro Tag bei bereits größeren erkennbaren „Verkalkungen“ sogar zu einem geringen aber doch deutlichen Rückgang der Plaques kam. 2

Nicht ganz eindeutig waren bislang die Daten zum Einfluss alkoholischer Getränke auf den Blutdruck - möglicherweise aufgrund von Messungen zu einem bestimmten Tageszeitpunkt und nicht über 24 Stunden. Eine Studie mit Messungen über 24 Stunden zeigt, dass sich ein moderater Konsum von Rotwein nicht nachteilig auf den Blutdruck von zuvor abstinenten Typ-2-Diabetikern auswirkt. Im Gegenteil: Der systolische und diastolische (oberer und unterer) Wert fielen sogar drei bis vier Stunden nach dem Genuss sowie am folgenden Morgen (nur systolisch) deutlich ab.2

Metabolisches Syndrom

Kommen zu einem Typ 2 Diabetes bzw. einer gestörten Glukosetoleranz noch weitere Risikofaktoren hinzu, so verschlechtert sich die Prognose dramatisch. Diese Bündelung an Risikofaktoren bezeichnet man als „Metabolisches Syndrom“. Basierend auf den Definitionen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt es dann vor, wenn eine gestörte Glukosetoleranz oder Diabetes mellitus und / oder Insulinresistenz und zwei der folgenden Symptome vorliegen:

  • Großes Taillen-Hüft-Verhältnis 
  • Hohe Triglyceridwerte 
  • Niedriges HDL-Cholesterin 
  • Hoher Blutdruck 
  • Hohe Albuminausscheidung

Gerade beim sehr gefährlichen und weit verbreiteten Metabolischen Syndrom zeigen viele Studien, dass moderater Genuss alkoholischer Getränke sowohl die Entstehung reduziert als auch die Langzeitprognose verbessert3.

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