Vor 100 Jahren - Erstürmung des Finanzamtes in Bernkastel-Kues
Der Wein erzählt Geschichte(n) Folge 19
Am Nachmittag des 25. Februar 1926 wurde aus Bernkastel-Kues etwa in diesem Wortlaut gemeldet[1]: Heute Nachmittag gegen 3 Uhr trafen etwa 1.500 Winzer zu Fuß aus den weiter entfernten Ortschaften der Mittelmosel in Bernkastel-Kues ein, um an der von der Zentrumspartei anberaumten Versammlung teilzunehmen. Ein Sonderdampfer und Bahnzüge brachten weitere tausend Winzer, die sich in einem Protestzuge am Moselufer von Bernkastel-Kues sammelten. Die Menge bewegte sich unter Voraustragung einer schwarzen Fahne und unter Mitführung zahlreicher Schilder aufreizenden Inhaltes durch die Straßen der Altstadt. Als der Zug zum zweiten Mal das Finanzamt passierte, drang ein Trupp zum Finanzamtsgebäude vor. Die drei am Eingang aufgestellten Landjäger wurden überrannt und im Augenblick war das Finanzamt von stürmenden Menschen gefüllt, die die Fenster zertrümmerten und aus den Büros Aktenbücher, Schreibmaschinen, Regale, Tische, Stühle und dergleichen mehr auf die Straße warfen. Die im Dienst befindlichen Steuerbeamten wurden misshandelt und verjagt. Auf der Straße wurden die Akten und Möbelstücke verbrannt. Auf die Finanzkasse, die in einer anderen Straße untergebracht ist, wurde dasselbe unternommen. Die gleiche Vernichtungsaktion wurde dem Zollamt zuteil. Die anschließende Versammlung, in der die Abgeordneten des Zentrums Kerb, v. Guérard, Neyes und Kaas sprachen, verlief erregt, aber ohne Zwischenfälle. Soweit erste Teil der Meldung.
Befreiung der Inhaftierten
Am gleichen Tage wurden bereits 14 Personen verhaftet. Gegen sie wurde ein Verfahren wegen Aufruhr und Landfriedensbruch eingeleitet. Am Nachmittag des 26. Februar sollte ein Polizeiaufgebot in Graach einige weitere Personen festnehmen. Die Bevölkerung ließ die Sturmglocken läuten, bewaffnete sich mit Mistgabeln und Sensen und rückte an den Dorfeingang, um den Polizeibeamten zu begegnen. Diese mussten, um Blutvergießen zu vermeiden, unverrichteter Dinge zurückkehren. Gegen Abend kamen wieder rund tausend Protestierende aus allen Orten der näheren Umgebung zusammen. Sie nahmen vor dem Gefängnis eine drohende Haltung an und verlangten die Freigabe der Gefangenen. Der Oberstaatsanwalt, der die Untersuchung an Ort und Stelle leitete, sah sich gezwungen, den Forderungen zu entsprechen, um nicht noch einmal großes Unheil herauf zu beschwören. Nachdem die Gefangenen befreit waren, zogen sich die Demonstranten zurück. Am Abend war in Bernkastel-Kues alles ruhig, hieß es in der DDW-Meldung, die in der Ausgabe vom 4. März 1926 zu lesen war.
Debatte im Reichstag – Abschaffung der Weinsteuer
In einer Reihe von Pressenotizen, so war eine Woche später in der nächsten Ausgabe des Fachorgans Der Deutsche Weinbau zu lesen, war bei der Schilderung der Vorgänge in Bernkastel-Kues ein Zusammenhang zwischen den Verzweiflungstaten der Winzer und separatistischen und kommunistischen Bestrebungen konstruiert worden. [2] Die Mosel-Winzer wiesen diese Unterstellungen scharf zurück. Der Winzerverband für Mosel, Saar und Ruwer unterstrich in einer Erklärung, dass in zahlreichen Winzerfamilien seit Monaten die notwendigsten Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden konnten. Er betonte in seiner Stellungnahme: „Die Staatsautorität wird keinen Schaden leiden, wenn die Regierung die Verzweiflungstat der Winzer milde beurteilt und statt hilfreichen Worten endlich hilfreiche Taten folgen lässt.“
Und dann ging es tatsächlich schnell: die Forderungen nach Steuerentlastung und Unterstützung für die notleidenden Winzer waren bereits am 4. März 1926 Thema einer Reichstagssitzung. Auf der Tagesordnung standen Anträge aller Parteien betreffend Aufhebung der Weinsteuer, bzw. Verlängerung der Kredite, ferner fünf Interpretationen über die Notlage der Winzer. Aus allen politischen Richtungen wurde Unterstützung zugesagt, sämtliche Anträge wurden an einen Sonderausschuss von 21 Mitgliedern überwiesen. [3] Dieser Ausschuss arbeitete – zumindest aus heutiger Sicht – rekordverdächtig schnell: Er beschloss bereits am 11. März mit 20 gegen eine Stimme, die Weinsteuer aufzuheben. Darüber hinaus sollten nach dem Willen der Ausschuss-Mitglieder auch die weiteren Forderungen der Winzer zum Gegenstand von Beratungen gemacht werden: Notstandskredite für die Winzer, weitere Steuerfragen, Höhe der Weinzölle in den Handelsverträgen, Amnestie für die Winzer, die das Finanzamt erstürmt hatten, Maßnahmen zur Beseitigung von Absatzschwierigkeiten und anderes mehr.[4] Nur wenige Tage später, am 27. März beschloss der Reichstag die Außerkraftsetzung des Weinsteuergesetzes ab 1. April 1926 als Sofortmaßnahme im Zuge eines heiß umstrittenen Kompromisses.[5]
Verurteilung der Inhaftierten und Begnadigung
Ungeachtet des politischen Entgegenkommens wurden die Unruhestifter angeklagt und verurteilt. Auch in der Fachpresse wurde darüber ausführlich berichtet.[6] Die Angeklagten waren Männer bis zu 50 Jahren, die bisher unbescholten waren. Selbst der Staatsanwalt erklärte, dass er die weitestgehende Milderung befürworte. Es wurden Gefängnisstrafen von drei Monaten bis zu acht Monaten ausgesprochen, in fünf Fällen wurde Bewährungsfrist von drei Jahren eingeräumt. Umgehend reichten der Winzerverband der Mosel, Saar und Ruwer, der Deutsche Weinbauverband, unterstützt von weiteren Organisationen Gnadengesuche ein. Am 30. September konnte DerDeutsche Weinbau vermelden, dass alle an den Unruhen der Winzer in Bernkastel-Kues beteiligten und verurteilten Personen mit Bewährungsfrist begnadigt wurden (siehe Abbildung)[7].
Alles vergebens?
Diese These kann man vertreten, wenn man sich die wirtschaftlichen Entwicklungen in den folgenden Jahren anschaut. Weinsteuer allein bezieht. Die gesamtwirtschaftliche Lage in Deutschland und in der Welt, insbesondere die Hyperinflation, stürzte die Weinbranche Ende der 20er Jahre in eine noch größere wirtschaftliche und politische Krise, die der Nährboden für die Nazizeit war. Wenn wir etwas Positives in diesen Geschehnissen finden wollen, dann ist es erstens das Bewusstsein, gemeinsam für deutsche Weine werben zu müssen. Es war die Geburtsstunde der Weinpropaganda, wie man die Werbung damals nannte. So konnte man bereits im Mai 1926 in der Fachpresse lesen[8]: „Der von Weinbau und Weinhandel eingesetzte Reichsausschuss für Weinpropaganda hat in einer Sitzung vom 9. Mai in Mainz eine Reihe von Maßnahmen zur Hebung des Absatzes deutscher Weine beschlossen. Unter anderem soll ein Preisausschreiben erlassen werden, um eine möglichst große Anzahl von Gedichten, kleinen Erzählungen, humoristischen Aufsätzen, Anekdoten, Sprüchen usw. zu erhalten, die geeignet sind, eine dem Weingenuss freundliche Stimmung zu erwecken. Für die Preisverteilung stehen bis zu 10.000 Mark zur Verfügung […].“ Und last not but least: Vielleicht gibt es seit diesen Geschehnissen in der deutschen Politik eine Sensibilität gegenüber der Einführung einer speziellen Weinsteuer. Mal sehen, ob sie auch in der derzeitigen alkoholpolitischen Diskussion erhalten bleibt.
[1] DDW (1926), S. 100.
[2] DDW (1926), S. 115.
[3] DDW (1926), S. 116.
[4] DDW (1926), S. 127.
[5 DDW (1926), S. 139 und 155.
[6] DDW (1926), S. 320-322.
[7] DDW (1926), S. 483.
[8] DDW (1926), S. 237.
Rudolf Nickenig
04. März 2026


