Vor 70 Jahren - Weinwerbung 1955: Frauen mit besseren Ideen
Der Wein erzählt Geschichte(n) Folge 9
Die Deutsche Weinwerbung hatte vor rund 70 Jahren einen Wettbewerb ausgeschrieben, um für 1955 ein neues Weinwerbe-Plakat zu kreieren. Die Weinwerber setzten sich mit der Mainzer Landeskunstschule und der Werkkunstschule Wiesbaden in Verbindung, um neue Impulse für die Weinwerbung zu erhalten. Auch einige freischaffende Grafiker wurden aufgefordert, ihre Erfahrung in den Wettbewerb einzubringen. Für die Gewinner des Wettbewerbs wurden insgesamt 2.000 DM ausgeschrieben. Die Weinwerber erwarteten eine Angleichung des Plakatdesigns an das Zeitempfinden und eine Darstellung des Weins als Kulturgut. Offensichtlich war man damals überzeugt, dass man diese Botschaft am besten durch den Slogan: „Im Wein Freude und Gesundheit“ transportieren könne. Heute würde ein derartiger Slogan zu einem Aufschrei der hauptamtlichen Verbraucher- und Gesundheitsschützer sowie der Alkoholgegner führen – damals regte sich wohl niemand darüber auf.
Wie sehr sich die Zeiten doch ändern…
In der Presse wurde bei der Vorstellung der Wettbewerbsergebnisse berichtet, dass zwar die „großen Weinkenner in der Mehrzahl unter den Männern zu suchen“ seien, aber beim Preiswettbewerb hätten die Frauen das bessere Gespür gehabt. Rund 60 Entwürfe waren eingereicht worden, allerdings nur wenige waren in Form und Inhalt, in Komposition und künstlerischer Idee so ausgereift, dass sie die damaligen Weinwerber überzeugten. Die Jury hatte zehn Entwürfe aus den Einreichungen in die engere Wahl gezogen. Alle drei ersten Plätze wurden von Frauen belegt: 1. Adelheid Fleckner (Mainz), 2. Erna Becker, Mainz-Gonsenheim, Studentin im 1. Semester. 3. Jutta Juris (Oberwesel).

Nach Überzeugung der Jury hatten die drei Frauen in ihren Entwürfen die Verbindung der drei Begriffe „Wein-Lebensfreude-Gesundheit“ am besten umgesetzt. Wenn man sich heute die prämierten Entwürfe anschaut, dann muss man nicht nur wegen ihrer Gestaltung schmunzeln, sondern auch an eine der Ausschreibungsbedingungen, nämlich Darstellung des damaligen Zeitgeistes, denken.
Auch wenn wir keine weiteren Einzelheiten über den Verlauf und die Verwendung der Entwürfe kennen, so scheint sich der damalige Aufsichtsrat der Deutschen Weinwerbung doch nicht für die prämierten Entwürfe des Plakatwettbewerbs entschieden zu haben. Denn auf der deutschen Weinwoche 1955 wurde zwar immer noch mit dem Slogan „Wein-Freude-Gesundheit“ geworben, aber mit einem anderen Motiv, das bei aller Würdigung der eingereichten Entwürfe vermutlich mehr den Zeitgeist der Berliner Konsumenten getroffen haben mag. Eigentlich schade, denn Humor und moderater Weinkonsum sind beste Voraussetzungen für Lebensfreude und Wohlbefinden, vielleicht sogar Gesundheit, aber das nur unter uns!

Leider liegen uns die Plakate nicht im Original vor, sondern nur als Schwarzweißfotos aus der Fachzeitung Der Deutsche Weinbau (1955), S. 37 und 551.
Rudolf Nickenig, Remagen