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Ein Streiter für die Weinkultur

Am 15. März 2021 wurde Professor Hans-Jörg Koch neunzig Jahre jung. Die Deutsche Weinakademie gratuliert ihrem langjährigen Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats sehr herzlich. Wer kennt ihn nicht in unserer Branche? Was in der Rechtschreibung „Der Duden“, ist im Weinrecht „Der Koch“.

 

Sein Weinrechts-Kommentar war die Messlatte für viele Entscheidungen vor Gerichten und bei politischen Diskussionen. Hauptberuflich war er Richter und in Ministerien tätig gewesen. Unzählige Veröffentlichungen und zahlreiche Bücher haben ihn berühmt gemacht. Das Spektrum seiner Tätigkeiten reichte von „trockenen“ weinrechtlichen Analysen bis zu weinfröhlichen, ja sogar karnevalistischen Betrachtungen. Er hat weinkulturelle Vereinigungen mitbegründet und betreut, war beratend in Weinfachgremien tätig und ein gefragter Autor in Weinfachzeitschriften. Koch lehrte an Akademien, Fachhochschulen und an der Universität Weinrecht.  Von seinen vielen Auszeichnungen auf nationaler und internationaler Ebene soll an dieser Stelle nur der Deutsche Weinkulturpreis erwähnt sein. Denn Rudolf Nickenig sollte im Auftrag der DWA mit dem Jubilar vor allem über die Weinkultur sprechen.

DWA: Sie haben sehr früh begonnen, weinrechtliche Schriften zu verfassen. Was floss zuerst aus Ihrer vinophilen Feder? Weinrechtliches oder weinkulturelles Schrifttum?

Koch: Nach ersten Beiträgen in Weinfachzeitschriften - 1952 in ʻDeutsche Weinzeitungʼ, 1953 in ʻDas Weinblattʼ, dessen regelmäßiger weinrechtlicher Mitarbeiter ich wurde - erschien 1955 in der Weinblatt-Bücherei des Verlags Meininger meine Dissertation „Probleme des Weingesetzes unter Berücksichtigung von Reformfragen“. 1958 folgte mein erster Kommentar zum Weingesetz von 1930. Dies waren meine ersten „Druckerzeugnisse“ zum Thema Weinrecht. Ebenfalls im Jahr 1958 erschien „Trunkene Stunden – eine Spätlese heiterer Weinweisheit“ mit Zeichnungen des Pfälzer Künstlers Fritz Wiedemann. Die Kapitel reichten von einer „Kapuzinerpredigt wider die Weinabstinenz“ über weinromantische Feuilletons bis zu Betrachtungen über Nüchternheit und Weinerleben.

DWA: Ja, eine „wunderbare Originalabfüllung, geherbstet und kredenzt von Hans-Jörg Koch“, ist auf der ersten Seite zu lesen. Wir kennen viele weitere Buchtitel von Ihnen, sicherlich nicht alle. Um nur drei zu nennen: „Bacchus vor Gericht“, „Die Muse Wein“ oder „Öchslewutz & Killerhefen“. Gibt es rückblickend ein weinkulturelles Buch, das Ihnen besonders wichtig war und ist, Ihr selbst geschriebenes Lieblingsbuch sozusagen? Gibt es vielleicht sogar eine Veröffentlichung, zu der sie heute sagen: Hätte ich mal besser nicht geschrieben?

Koch: Mein „Lieblingsbuch“ ist „Die Muse Wein“, übrigens gefördert von der Deutschen Weinakademie. Es entstand in unendlicher Kleinarbeit, mühsamen Archivrecherchen und Korrespondenz mit Museen und Gesellschaften, die Andenken und Hinterlassenschaften von Dichtern und Künstlern bewahrten, deren Verhältnis zum Wein und dessen Einfluss auf ihre Werke erstmalig in der mit seltenen Fotografien ausgestatteten Publikation dargestellt wurden. Zum zweiten Teil Ihrer Frage: Meine Bücher verstehe ich als „meine vinophilen Geisteskinder“, keines möchte ich nicht geschrieben haben.

 

 

DWA: Sie haben auch in der Gesellschaft für Geschichte des Weines über Jahrzehnte beratend gewirkt und Schriften veröffentlicht. Welchen Stellenwert hat die Weingeschichte für die Weinkultur, auch mit Blick in die Zukunft?

Koch: Das Wirken der Gesellschaft für Geschichte des Weines, die ich mit gegründet habe, ist vor allem durch einen hochwertigen, immer weiter wachsenden Bestand von Schriften gekennzeichnet, die von Experten verfasst wurden. Sie ist verzahnt mit den Zielen der zahlreichen Weinbruderschaften, die den „Wein als Erlebnis einer Landschaft“ ebenfalls vor historischem Hintergrund nahebringen und verkosten. Weinkultur ist ohne Rückblick und Erforschung der Weingeschichte undenkbar. Beide Elemente bilden eine Einheit. Dass dies auch in Zukunft so verstanden wird, trotz mancher Verflachung im gesellschaftlichen Leben, bleibt zu hoffen. Ein so hohes Gut wie die Weinkultur darf nicht verloren gehen.

DWA : Sie sind tief verwurzelt in Ihrer rheinhessischen Heimat und haben ihr viele Bücher gewidmet, z. B. „Guck emol!“. Ist Weinkultur eine Frage der Regionalität? Gibt es eine deutsche oder gar internationale Weinkultur?

Koch: Weinkultur besteht weltweit, überall wo Reben wachsen. Weinfreunde verstehen einander ohne sprachliche Probleme, das Empfinden für und durch den Wein verbindet. Gibt es so gesehen keine spezielle deutsche Weinkultur, so mag der Kult des Weines regional unterschiedliche Facetten aufweisen. Diese sind zwar traditionell bedingt, aber mit ihrem Wesensgehalt vernachlässigbar. Eine national abgekapselte Weinkultur gibt es nicht.

DWA:  „Ich trink den Wein nicht gern allein“. Dieses Lied aus der Operette „Die oder Keine“ wurde durch Herbert Ernst Groh und später auch durch Peter Alexander sehr bekannt. Welcher Begleiter von Wein ist für Sie der Wichtigste? Die Literatur – sprich ein gutes Buch und ein gutes Glas Wein? Der Humor? Geselligkeit? Die Musik?

Koch:  Keiner der von Ihnen genannten „Begleiter“ des Weins hat für mich eine Vorzugstellung. Ort, Anlass und die eigene seelische Grundstimmung sind für die Auswahl eines Weines bestimmend. Abgesehen von Stunden, in denen man allein beim Wein „sinniert“, sind beispielsweise Geselligkeit und Humor mit dem Genuss des „Seelentrösters“ so unzertrennlich verbunden, dass es einer besonderen persönlichen Zuneigung gar nicht bedarf.

DWA:  Altbundespräsident Professor Heuss hatte auf die Frage des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Reinhold Maier, wie lange er für eine Rede zu einem speziellen Fachgebiet gebraucht habe, geantwortet: „Im allgemeinen brauche ich für eine Rede eine Flasche Wein lang. Für diese Rede habe ich dreieinhalb Flaschen Wein lang gebraucht!“ Herr Professor Koch, hatten Sie eine ähnliche Maßeinheit bei Ihren Veröffentlichungen oder Reden?

Koch:  Die wohl nicht so ganz ernst zu nehmende Antwort von Professor Heuss ist auslegungsbedürftig: Wenn die dreieinhalb Flaschen Wein auf mehrere Tage verteilt getrunken wurden, weil der Autor so lange an seiner Rede arbeitete, wäre das selbstverständlich nachahmenswert. Allerdings ist dabei zu bedenken, dass der Wein nicht unmittelbar, nicht aus sich selbst, alle die Wirkungen hervorbringt, die wir ihm zuschreiben. „Er erweckt nur die Qualitäten, die in uns ruhen,“ so Ludwig Tieck, um 1800, der einen „Lehrstuhl für Wein“ forderte. Während man den Wein genießt, kann man nicht schreiben, freilich kommen dabei gute Gedanken und Einfälle, die sich im nüchternen Zustand zu einer Rede formen lassen. Bei der Arbeit am Manuskript habe ich darum keine „Maßeinheit“. Wenn der Text abgeschlossen oder als Buch erschienen ist, dann aber wird nicht nach dem Eichstrich getrunken.

DWA: Hiermit ist das Interview abgeschlossen! Es kann getrunken werden! Auf Ihre Gesundheit! Ad multos annos!

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