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Interview mit Prof. Dr. Hans Reinhard Seeliger

Prof. Dr. Seeliger ist Präsident der Gesellschaft für Geschichte des Weines. Sein Weg zum Wein führte u.a. über den Weinkeller seines Vaters. Er erzählt, was die Weinbranche aus der Geschichte für die Zukunft lernen kann.

Seit vielen Jahren ist Prof. Dr. Hans Reinhard Seeliger Präsident der Gesellschaft für Geschichte des Weines. Sein Weg zum Wein führte, wie er erzählt, über den Weinkeller seines Vaters und ein Studium der Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte und Psychologie, zunächst an der ehemaligen Hochschule der Benediktiner in Augsburg, dann der Universität Münster.

Nach seiner Promotion wurde er 1983 Hochschulassistent an der Universität Mainz, wo er näher mit der Weinwelt und der Weinpublizistik in Kontakt kam (Mitarbeit an der Zeitschrift „Alles über Wein“, ehemals Woschek-Verlag). In dieser Zeit trat er auch in die Gesellschaft ein, deren Präsident er heute ist. 1986 übernahm er eine Professur für Historische Theologie an der Universität Siegen und 2001 einen Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Archäologie an der Universität Tübingen.

Seeliger hat nicht nur in seinen universitären Fachgebieten, sondern auch in der Weingeschichte viele Publikationen veröffentlicht. Mitten in der Coronakrise haben wir ihn um ein Interview gebeten.

DWA: Corona hat alle Lebensläufe verändert. Welche Auswirkungen gab es konkret für die Gesellschaft der Geschichte des Weines?

Seeliger: Nun ja, im Februar dachten wir noch, dass wir wie geplant unsere Veranstaltungen durchführen könnten. Da kommen meist um die hundert Mitglieder zusammen. Manchmal auch mehr. Wir wollten im Frühjahr im Rheingau und an der Hochschule in Geisenheim eine Tagung durchführen und im Herbst nach Rumänien reisen. Das alles mussten wir absagen. Die wissenschaftliche Arbeit läuft aber weiter.

DWA: Wie sehen die Planungen für die nächsten Monate aus?

Seeliger: Wir bringen gerade zwei neue Schriften zum Versand, eine über die Weinbaugeschichte des Elsass in der deutschen Zeit vor dem I. Weltkrieg und eine andere über die Weingeschichte Chinas. Das ist übrigens unsere 200. Schrift. Aber wie es mit den Tagungen weiter geht, kann ich nicht sagen. Bei Planungen kann man derzeit ja nur auf Sicht fahren. Im Herbst wollen wir aber einen Versuch mit einem Video Podcast starten. Den Link bekommt man dann auf unserer Webseite.

DWA: Lassen Sie uns nochmals einen Blick zurückwerfen. Sie haben die Gesellschaft über viele Jahre als Präsident geführt. Was waren aus Ihrer Sicht Höhepunkte Ihrer Arbeit? Woran denken Sie besonders gerne zurück?

Seeliger: Schwer zu sagen. Das waren sicher einige Tagungen, zum Beispiel die in Fulda. Der Fürstabt von Fulda ist für die Entwicklung der Spätlesen verantwortlich. Die ersten gab es aus seinen Weinbergen vom Schloss Johannisberg im Rheingau, welches ihm gehörte. Oder auch die Tagung in Meersburg. Die konnten wir in den Räumen des „Vineum“ durchführen. Das ist ein ganz neuartiges Museum, an dessen Konzeption unsere Vizepräsidentin Christine Krämer mitgewirkt hat. Und das Thema war „Klima“. Für die Klimaforschung sind historische Aufzeichnungen über Güte und Menge von Wein von großer Bedeutung.

DWA: Was ist aus Ihrer Sicht die zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft für Geschichte des Weines?

Seeliger: Wir haben früher gern gesagt, dass das die Vorbereitung einer neuen „Geschichte des Weinbaus“ ist, wie sie Friedrich von Bassermann Jordan 1923 herausbrachte. Inzwischen ist man in der Geschichtswissenschaft insgesamt etwas vorsichtiger geworden, was großangelegte Geschichtswerke betrifft. Ich würde sagen: Wir behandeln die Geschichte des Weinbaus, der Kellerwirtschaft, der Trinkgewohnheiten und der Weinkultur in vielen Facetten und aller Breite. Und klar: bei unseren Tagungen auch in flüssiger Form.

DWA: Wenn ein*e Winzer*in oder ein*e Verbraucher*in Sie fragt: Was bringt mir eine Mitgliedschaft in der Gesellschaft? Was antworten Sie?

Seeliger: In jeder Flasche, die du verkaufst und jedem Glas, das du trinkst, steckt ein Stück Kulturgeschichte. Und du unterstützt die Bemühungen, dies im Bewusstsein zu halten.

DWA: Kann die Weinbranche insgesamt etwas aus der Kenntnis der Weingeschichte lernen?

Seeliger: Tja, was heißt insgesamt? Ich will lieber bei Beispielen bleiben: Sie müssen sich nur den neusten Trend anschauen - die Orange-Weine. Weißweine, die mit den Schalen vergoren werden, sind doch die ältesten Weine der Welt! Vielen wird das gerade erst bewusst: Das macht man in Georgien seit 6.000 Jahren. Vielleicht kommt das aber auch aus China und ist noch ein Stück älter. Oder weniger alt: die EU Vorschriften, an die jetzt das deutsche Weingesetz angepasst wird. Die hat man in Grundzügen vor mehr als 80 Jahren in Châteauneuf-du-Pape entwickelt. Ich habe das mal in einer unserer Schriften näher erläutert.

DWA: Würden Sie als Historiker wagen, in die berühmte Glaskugel zu schauen, um die Zukunft vorher zu sehen? Wie wird sich die Weinkultur bis 2050 verändern? Werden wir nur noch entalkoholisierte Weine trinken?

Seeliger: Oh, das hoffe ich nicht. Aber es kann sein, dass sich der Weinstil bis dahin verändert. Er hat sich im Grunde dauernd verändert. Aber Wein ohne Alkohol ist für mich kein Wein. Wein war immer ein göttliches Getränk. Weil der Alkohol das Bewusstsein verändert, sah man darin eine göttliche Kraft. Die des Dionysios oder Bacchus. Das Christentum hat dann versucht, den Weingenuss zu zähmen: Nur ein kleines Schlückchen bei der Messfeier oder beim Abendmahl. In dieser Richtung wird es meiner Meinung nach laufen angesichts des Gesundheitstrends: weniger aber besserer Wein.

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