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Weinkulturelle Aspekte - Oktober

Was ist Weinkultur?
Was ist Weinkultur? Was bedeutet kultureller Weinkonsum? Sind das Fragen, die nur mythisch, vielleicht metaphysisch oder auch wissenschaftlich beantwortet werden können oder sollten? Zuerst ein Blick zurück:

Wissenschaftsgläubigkeit weicht Wissenschaftsskepsis

In früheren Generationen gaben Traditionen, Religionen, gewonnene Erfahrungen vielen Menschen eine Orientierung für das Leben schlechthin, ja sogar für ein angemessenes Essen und Trinken. In den letzten Jahrzehnten wurde erwartet, dass diese Aufgabe von der Wissenschaft, vielleicht sogar mehr von den Natur- als von den Geisteswissenschaften, übernommen wurde. Diese geradezu „Wissenschaftsgläubigkeit“ scheint mehr und mehr einer Wissenschaftsskepsis, teils sogar einer Wissenschaftsablehnung oder -feindlichkeit zu weichen. Mindestens ebenso besorgniserregend ist jedoch der Missbrauch von Wissenschaft im politischen Diskurs. Auch der Weingenuss ist in den Strudel derartiger Entwicklungen geraten.
Seit langen werden mit wissenschaftlichen Methoden die Wirkungen eines moderaten Weingenusses erforscht, Eines der berühmtesten Resultate dieser Forschungseuphorie war das sog. French-Paradox in den frühen 1990er Jahren. Die wissenschaftlich untermauerten Vorzüge einer mediterranen Ernährung, zu der auch moderater Weinkonsum zählt, wurden weltweit kommuniziert. Zu den bemerkenswertesten Ergebnissen gehört die J-Kurve (siehe auch Faktencheck), als Symbol der mengenmäßig begrenzten Vorzüge des Weingenusses bzw. des exponentiell wachsenden Gefahrenpotentials bei übermäßigem Trinken alkoholischer Getränke, einschließlich des Weines. 
Je mehr Studien, ja sogar Metastudien, diese Erkenntnisse untermauerten, desto häufiger und massiver wurden sie attackiert. Dies ist zunächst nicht befremdlich, denn Wissenschaftsfortschritt lebt vom Diskurs, von der Bereitschaft gewonnene Erkenntnisse in Frage zu stellen, zu diskutieren, zu korrigieren und weiter zu entwickeln. In der Wissenschaft sind (oder waren?) bestimmte Vorgehensweisen anerkannt und akzeptiert, wie dieser wissenschaftliche Prozess eines dynamischen Erkenntnisgewinns abläuft; wie zum Beispiel überprüft wird, ob bei Forschungen die Standards der Wissenschaftlichkeit eingehalten wurden. 

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Die Kritiker der „J-Kurven-Studien" konnten bei den veröffentlichten Studien in der Regel keine Verstöße gegen die Wissenschaftlichkeit nachweisen. Deshalb setzten die Alkoholgegner einen anderen Hebel an: Ergebnisse aus diesen Studien, die mögliche Vorzüge eines moderaten Weinkonsums belegten und die eher selten, aber auch mit Geldern der Wein- oder Alkoholwirtschaft teilweise finanziert wurden, wurden als interessengesteuert abgelehnt. Dies ist allerdings eine scharf zu kritisierende Vorgehensweise der Alkoholgegener und ihrer Mitläufer: Natürlich gehört es zu den Grundprinzipien der Wissenschaft, transparent zu arbeiten und auch die Finanzierung von Forschungsprojekten offenzulegen. Gerade deshalb darf und muss die Wissenschaftlichkeit einer Arbeit ausschließlich an den speziellen und allgemeinen wissenschaftstheoretischen Maßstäben gemessen und kritisiert werden. Was darüber hinausgeht, ist unwissenschaftlich, tendenziös, diskriminierend. 

Objektivität der Wissenschaft auch für NGOs und WHO

Unabhängigkeit der Wissenschaft ist ein Thema, das weit über die Beobachtung von finanzieller Unterstützung durch die Wirtschaft hinausgeht und die gesamten gesellschaftspolitischen Verflechtungen im Blick haben muss. Wissenschaftssoziologen und Wissenschaftstheoretiker sollten nicht nur die Beziehungen von Wirtschaft und Wissenschaftlern analysieren, sondern ebenso das Verhalten von NGOs, von Repräsentanten der WHO-Europe, von Vertretern von Gesundheitsministerien der EU-Mitgliedstaaten unter die Lupe nehmen. Sie sollten unvoreingenommen analysieren, ob und wie Vertreter des Gesundheitswesens versuchen, die Ausgestaltung der europäischen und internationalen Alkoholpolitik nach ihrem Gustus einseitig mit ihnen passenden Studien zu rechtfertigen und unpassende Studien als industriegesteuert auszusortieren. Das zu analysierende Problem ist in diesem Fall nicht die immer wieder beklagte größer werdende Wissenschaftsfeindlichkeit in bestimmten Schichten der Bevölkerung, sondern ein von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen und Institutionen verübter Angriff auf die Grundprinzipien und Unabhängigkeit der Wissenschaft. Wir wollen lieber kein weiteres Fass aufmachen, auf dessen Fassboden „Rolle der Medien“ steht. Denn ein altes deutsches Sprichwort lautet: Der größte Feind des Guten ist des Guten zu viel.

Autor: Dr. Rudolf Nickenig, Remagen

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