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Weinkulturelle Aspekte - September

Lebensreformen und neuer Kult?
Was haben Vegetarier, Nudisten und Alkoholgegner gemeinsam? Sie alle haben ihre Ursprünge in der sogenannten Lebensreformbewegung des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zur Kulturentwicklung des 19. Jahrhunderts schenkten die Lebensreformer dem Körper und seiner Gestaltung ihre ganz besondere Aufmerksamkeit. Bei allen Strömungen dieser Reformbewegung stand die Gesunderhaltung oder Heilung des Körpers im Vordergrund, um so Geist und Seele günstig zu beeinflussen.

Das gilt für den Vegetarismus ebenso wie für die Naturheilkunde oder die Nacktkultur. Die Körperkultur sollte den ganzen Tagesablauf bestimmen. Organisatorisch fand diese Bewegung ihre stärkste Stütze in dem 1905 gegründeten „Verein für Körperkultur“.

Der Körperkult fand seinen pragmatischen Ausdruck in einer Kleidungsreform, die ihren Höhepunkt zwischen 1895 und 1910 hatte. Die Frauenbewegung war am Diskurs einflussreich beteiligt, um alltagsnähere und zugleich modischere Eigenkleider zu produzieren.1896 wurde der „Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung“ gegründet, der sich nicht nur vehement für die Abschaffung des Korsetts einsetzte. 1906 schlossen sich fortschrittliche Frauen im „Deutschen Verband für Frauenkleidung und Frauenkultur“ zusammen, die unter anderem Einfluss auf Sportteilnahme und –kleidung von Frauen nahm. Die sich emanzipierenden Frauen beeinflussten wiederum die Alkoholdiskussion.   

Zunehmender Einfluss von Jugend und Frauen

Die Verbindung der Antialkoholbewegung zum Kern der Lebensreformbewegung ergab sich aus der Ablehnung von Rauschmitteln, die einer natürlichen Lebensweise im Wege standen. Darüber hinaus bestanden Übereinstimmungen mit anderen Lebensreformbewegungen: Für die Jugendbewegung galt Alkohol- und Nikotinabstinenz bei allen Treffen als obligatorisch, zumindest war es so auf dem Hohen-Meißner-Tag 1913 beschlossen worden. Nach 1918 beeinflusste die Jugendbewegung wesentlich die Entwicklung der Siedlungsbewegung. Auch die Freideutschen und ihre Nachfolger, die Bündische Jugend, folgten mit der Alkohol- und Nikotinabstinenz, teilweise mit vegetarischer Ernährung, grundlegenden Anforderungen der Lebensreform. Und der Frauenbewegung erschien der Männer enthemmende und Frauen betäubende Alkohol als ernstzunehmendes Hindernis der Emanzipation. Die bürgerliche Sozialreformbewegung erblickte im Alkoholismus eine Ursache der Sozialen Frage.

Strenge Vegetarier waren Alkoholgegner

Eine naturgemäße Ernährung, die von der Lebensreformbewegung postuliert wurde, forderte nicht nur eine starke Einschränkung oder einen Totalverzicht des Fleischverzehrs, die Präferenz pflanzlicher Nahrung, sondern auch die Ablehnung von Genuss- und Rauschmitteln, also von Kaffee, schwarzem Tee und alkoholischen Getränken. Die beginnende Ausbreitung der Reformhäuser gab den Alkoholgegnern ein weiteres Standbein. 1925 gab es etwa 200 Reformhäuser, 1939 rund 2000. Wie ihre Kunden entstammten die Reformhausinhaber überwiegend der Naturheil- oder der vegetarischen Bewegung. Fast alle lebten abstinent und fleischlos. Entsprechend war das Warenangebot: naturgemäße Nahrungs-, Bekleidungs-, Heil- und Körperpflegemittel sowie alkoholfreie Getränke. Diese Surrogatgetränke gewannen einen ausgesprochenen Kampfcharakter: Sie dienten als Instrumente des Widerstandes gegen den Alkoholkonsum und –missbrauch.

Von der Sitte zur Lebensreform

Die eigentlichen Ursprünge der Antialkoholbewegung, die zunächst in Form von Mäßigkeits- oder Temperenzvereinen in Erscheinung trat, lagen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten. Noch vor Mitte des Jahrhunderts schwappte die Bewegung nach Europa und radikalisierte sich teilweise zur Totalabstinenz. Der Impuls zur Alkoholgegnerschaft lag in der puritanischen Askese-Ideologie. Bereits im 18. Jahrhundert hatten Methodisten Enthaltsamkeit von weltlichen Vergnügungen, einschließlich Alkoholgenuss, gepredigt. Bis zur Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert wurde in den USA der Kampf gegen Alkohol noch ganz aus sittlich-religiösen Gründen geführt. In den meisten Ländern Europas, auch in Deutschland, bildete die evangelische, vor allem die calvinistische Bevölkerung das größte Reservoir der Alkoholgegner. Mit der Zeit traten die religiösen Gesichtspunkte in den Hintergrund und wurden durch volkswirtschaftliche, soziale oder sozialhygienische Aspekte ersetzt. Mit anderen Worten, die Alkoholgegner wurden Teil der Lebensreformbewegung.

Und die Moral der Geschichte?

Die Frage liegt nicht fern, ob wir uns wieder in einer Phase einer lebensreformerischen Bewegung befinden, ohne dass sie so bezeichnet wird; vielleicht aus anderen Ursprüngen, vielleicht mit anderen Begründungen, vielleicht aber auch nicht. Es ist nicht zu übersehen, dass die Technik- und Wissenschaftskritik sich ausbreiten. Wir beobachten bei vielen Konsumenten einen starken Trend zur Fleischreduzierung oder gar zum -verzicht, zur vegetarischen Ernährung, zur Stadtflucht, zur „zurück-zur-Natur-Romantik“, zu einer neuen Körperkultur, zum anthroposophischen Denken und Handeln. Wir beobachten eine erstarkte Antialkoholbewegung, befeuert durch starke Kräfte in der WHO. Es entwickeln sich neue Lebenskulturen und Kultmuster. Welchen Einfluss werden diese komplexen Vorgänge auf die Weinkultur haben? Nimmt die Branche wahr, was sich da zusammenbraut? Wer kümmert sich um die Organisation eines diesbezüglichen weinkulturellen Diskurses und um die Suche nach Antworten?

Autor: Dr. Rudolf Nickenig, Remagen

Erstellt am
Weinkulturelle Aspekte

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