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Weinkulturelle Aspekte - März

Aspekte der Weinkultur
Was ist „Kultur“? Die Frage ist einfacher zu stellen, als sie zu beantworten. Wir beobachten seit Jahren, dass der Begriff „Kultur“ inflationär benutzt wird. Dies war uns nicht nur bei der Lektüre des Ampelpapiers unserer Bundesregierung mit 78maliger Nutzung des Begriffes Kultur aufgefallen, in dem von der Planungs- bis zur Fehlerkultur die Rede ist.

Kultur - quo vadis?
Was ist „Kultur“? Die Frage ist einfacher zu stellen, als sie zu beantworten. Wir beobachten seit Jahren, dass der Begriff „Kultur“ inflationär benutzt wird. Dies war uns nicht nur bei der Lektüre des Ampelpapiers unserer Bundesregierung mit 78maliger Nutzung des Begriffes Kultur aufgefallen, in dem von der Planungs- bis zur Fehlerkultur die Rede ist. Das Spektrum an Buchtiteln geht weit darüber hinaus: „Kultur des Wagemuts“, „Protestkultur“, „Kultur des Glückspiels“, „Kultur der Lebensversicherung“, „Waffenkultur“, „Kultur des Stacheldrahts“. Mit dem Titel „Die Kulturgeschichte der Tränen“ fragen wir uns, ob die Flut an Kulturbegriffen zum Lachen oder Weinen ist. Die Frage „Was ist Kultur?“ könnte man auch so stellen: „Was zählt denn heute nicht mehr zur Kultur?

Kultur ist nicht nur begriffswissenschaftlich jung und modern
Das war einmal anders. Das mit Abstand größte Lexikon des 18. Jahrhunderts ist Johann Heinrich Zedlers Universal-Lexicon, erschienen zwischen 1732 und 1754. Es schreibt auf unglaublichen 68.000 Seiten das damalige Wissen und dessen Begrifflichkeiten nieder. Nur an einer einzigen Stelle – und zwar in Band 48, S. 811, 1. Spalte - kommt der Begriff Kultur vor: „Vineae Cultura, die Pfleg und Wartung eines Weinbergs“. War also die Weinkultur die Urzelle der Kulturbegrifflichkeit in Deutschland? Eine hübsche vinophile Betrachtung, nur leider ist sie begriffshistorisch falsch.

Der moderne Kulturbegriff ist erst um 1780 geprägt worden. Einer der ersten, der ihn nutzte, war Friedrich Schiller, nicht nur Dichter, sondern auch Historiker, bei seiner Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor 1789 in Jena. Wichtig neben Wilhelm von Humboldt auch Johann Gottfried Herder, der Kultur als zweite Genesis, als die Summe des geistigen und materiellen Erbes der Menschheit sah. Im Zuge der Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert wurde der Kulturbegriff auf die geistigen Errungenschaften einer Nation eingeengt. Die großen Werke der Musik, der Literatur, der Kunst und Wissenschaft, sie alle wurden als nationales Erbe reklamiert. Die politische Aufladung des eingeengten Kulturbegriffs im Kontext eines übersteigerten Nationalismus wurde von den bürgerlichen Klassen des wilhelminischen Deutschlands akzeptiert und unterstützt. Allerdings führte die Entwicklung dazu, dass die Kultur hinter der Nation zurücktrat und die Kultur zu einem Werkzeug des Staates wurde, vor allem in der Nazizeit. 

Von der Hochkultur zur Alltagskultur
Nach dem Zweiten Weltkrieg war eine neue Kulturdenkrichtung gefragt. Der bildungsbürgerliche Kulturbegriff wurde durch eine postmoderne Betrachtungsweise ersetzt. Kulturwissenschaft sollte nicht mehr durch bildungsbürgerliche Inhalte, durch Kunst und Wissenschaft, geprägt werden, sondern sich mit allen Feldern des Alltags, den sozialen Abstufungen, Spannungen und Verwerfungen in der Gesellschaft, beschäftigen. Zählen Titel wie „Kultur der Spielhallen“ eigentlich noch zur Alltagskultur? Wir dürfen die Fußballkultur nicht vergessen. Es wurde nicht nur eine Studie über die „Fankultur“, sondern auch über die „Trinkkultur in Fußballstadien“ erstellt. Die Verwendung des Kulturbegriffs scheint zu einer Geschmacksache zu werden.

Sicherer Hafen Immaterielles Weinkulturerbe?
Müssen diese turbulenten Kulturdiskurse die Weinbranche kratzen? Ist sie nicht erst 2021 in den sicheren Hafen, in das Verzeichnis des Immateriellen Weinkulturerbes der UNESCO aufgenommen worden? „Immaterielles Kulturerbe wird“, so die Deutsche UNESCO-Kommission, „von menschlichem Wissen und Können getragen und von Generation zu Generation weitergegeben. Gemeinschaften prägen dieses Wissen und Können und entwickeln es kreativ weiter. Immaterielles Kulturerbe ist lebendig, wirkt identitätsstiftend und stärkt sozialen Zusammenhalt.“

Die turbulenten postmodernen Kulturdiskurse auf der einen Seite, die eher traditionellen UNESCO-Kulturerbe-Verzeichnisse auf der anderen Seite, sollten der Weinbranche Anlass geben, sich einige Fragen zu stellen! Wenn sich die Weinkultur in einem inflationären Kultur-Diskurs wiederfindet, was macht das mit uns? (So fragt man heute!). Wenn heute „alles und nichts“ zur Kultur erklärt wird, verliert dann der Begriff Weinkultur an Wert oder wird er hip (und verliert damit an Nachhaltigkeit)? Sollten wir uns nicht wenigstens Gedanken machen, was wir heute und morgen unter Weinkultur verstehen wollen?

Fokus und Fazit
Für die Deutsche Weinakademie ist ein spezieller Punkt besonders wichtig: Ein wesentlicher Aspekt der Weinkultur ist das kultivierte, gesittete, verantwortungsbewusste Weingenießen. Wird in der alkoholpolitischen Auseinandersetzung die Trumpfkarte „Weinkultur“ noch stechen, wenn der Begriff Kultur inhaltsleer oder unbestimmt bleibt und beliebig wird?

Was tun? Die deutsche Weinbranche sollte einen strukturierten Diskurs starten, um den Begriff „Deutsche Weinkultur“ mit Leben zu erfüllen. Es sollte schwarz auf weiß niedergeschrieben werden, was die Branche unter „Weinkultur“ versteht und was nicht.

Autor: Dr. Rudolf Nickenig, Remagen 

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Weinkulturelle Aspekte

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