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Weinkulturelle Aspekte - Februar

Hilft Weinkultur im Spannungsfeld der Alkoholpolitik?
Es besteht offenbar großer Gesprächsbedarf zwischen den Repräsentanten der deutschen Weinbranche und deutschen Politikern, was in unseren Breiten unter kulturellem Leben oder Lebenskultur zu verstehen ist.

Die Weinbranche ist stolz darauf, dass die deutsche Weinkultur als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt wurde. Nur zur Klarstellung: Die Anerkennung erfolgte durch die UNESCO, nicht durch die WHO! Die UNESCO ist die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation. Die WHO ist eine andere Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die sich um die Koordination des internationalen öffentlichen Gesundheitswesens kümmern soll.

Unterschiedliche Sichtweisen:
UNESCO – Weinkultur! WHO – Droge!

Repräsentanten der Weinbranche hoffen, dass sie die UNESCO-Anerkennung vor den antialkoholischen Eskapaden der WHO schützen wird. Der Schutzbedarf ist groß, denn fundamentalistische Alkoholgegner finden sich nicht nur in der WHO, sondern auch in europäischen und nationalen Parlamenten, Ministerien und nachgelagerten Behörden, von den Guttemplern und anderen Gutmenschen in den einschlägigen NGOs ganz zu schweigen. 

Die jüngste Attacke der Alkoholgegner konnte vor wenigen Tagen im Europäischen Parlament abgewehrt werden. In der Beschlussvorlage für den europäischen Krebsbekämpfungsplan „Strengthening Europe in the fight against Cancer – Hin zu einer umfassenden und koordinierten Strategie“ waren erhebliche Einschränkungen für den Verkauf und für den Konsum von Wein vorgesehen. Nulltoleranz für Alkohol, keine Akzeptanz des moderaten Weinkonsums, Warnhinweise wie bei Zigaretten waren nur einige der heiß diskutierten Schlagworte. Vor allem südeuropäische Abgeordnete organisierten eine Mehrheit für eine Entschärfung des Entwurfs.

Südtiroler Schützenhilfe
Ein wesentlicher Initiator war Dr. Herbert Dorfmann aus Südtirol, der die Änderungsentwürfe folgendermaßen begründete: „Ein zu hoher Konsum von Alkohol ist nicht nur in Bezug auf Krebs ein großes Problem, sondern ist insgesamt für unsere Gesundheit schädlich und leider oft auch tödlich. Übermäßiger Alkoholkonsum ist schädlich, ebenso wie zu viel Zucker schädlich ist und auch zu viel Fleisch schädlich ist. Gleichzeitig ist aber auch ein moderater Konsum von hochwertigen Weinen und Bieren seit vielen Jahrhunderten Teil der Diät in vielen unserer Mitgliedstaaten und ist Teil unseres Lebensstils. Und wir sollten den Menschen das Glas Wein zum Mittag oder das Feiertagsbier nicht ausreden. Wir sollten anerkennen, dass Wein, Bier und Spirituosen Teil unserer Kultur sind, dass hunderttausende Familien in Europa in Weinbergen, in Kellereien, in Brauereien und Brennereien arbeiten und sich bemühen, tagtäglich hochwertige Lebensmittel herzustellen.“

Was sagt die Ampel?
Die deutsche Weinbranche sollte sich vor dem Irrtum hüten, dass diese „mediterrane“ Sicht von den meisten deutschen Politikern geteilt wird. Aufschlussreich ist ein Blick in das Koalitionspapier der Ampelregierung, die bereits in den ersten Verhandlungstagen mit der Legalisierung von Cannabis Aufsehen erregte. Überraschend häufig, nämlich an 78 Textstellen, kommt der Begriff Kultur in diesem Strategiepapier vor. So wollen die Koalitionäre eine „Kultur des Respekts befördern“, „eine moderne Führungs- und Verwaltungskultur vorantreiben“ und „eine auf Rechtssicherheit und gegenseitigem Vertrauen fußende Planungskultur in Deutschland verwirklichen“. Sie wollen „die Ausgründungskultur in Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in der Breite stärken.“ Sie schreiben: „Bürgernähe und eine transparente Fehlerkultur werden wir stärken, indem wir die Aus- und Fortbildung bei der Polizei weiterentwickeln.“

Planungskultur! Ausgründungskultur! Fehlerkultur! Im Ampelpapier heißt es auch: „Clubs und Livemusikstätten sind Kulturorte“. Hingegen waren gepflegte Restaurants, Speisegaststätten, Biergärten, Weinlokale oder Vinotheken für die Koalitionäre keine erwähnenswerten Kulturorte. Dabei pflegen viele steuerzahlende Bürger gerade an diesen Orten eine moderne Lebenskultur, die eine gesundheitsbewusste Ess- und Weingenusskultur beinhaltet. Es besteht offenbar großer Gesprächsbedarf zwischen den Repräsentanten der deutschen Weinbranche und deutschen Politikern, was in unseren Breiten unter kulturellem Leben oder Lebenskultur zu verstehen ist. Ein erster konkreter Schritt könnte sein, das Parlamentarische Weinforum wieder zu beleben, das sich über mehrere Legislaturperioden überparteilich für eine Weinkultur im Bewusstsein der Bundestagsabgeordneten einsetzte.

Autor: Dr. Rudolf Nickenig, Remagen

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