Injizierbare Medikamente gegen Adipositas und Typ-2-Diabetes ("Abnehmspritze") sorgen vermehrt für Aufsehen. Neben einer Fülle an günstigen Auswirkungen auf den Stoffwechsel scheinen sie auch das Suchtverhalten zu reduzieren.
"Abnehmspritze" auch hilfreich bei Alkoholmissbrauch
Tierversuche und Erfahrungsberichte hatten bereits angedeutet, dass sich diese Medikamentengruppe auch bei Personen mit riskantem Trinkverhalten bzw. Alkoholkonsumstörung als hilfreich erweisen könnte. Es handelt sich um Substanzen, die sich im Darm an den Rezeptor für das sogenannte Glukagon-ähnliche Peptid 1 (GLP-1) heften. GLP-1 wird bei entsprechender Ernährung auch vom Körper selbst gebildet. Es fördert über die Bindung an seinen Rezeptor die Sättigung und die Insulinausschüttung und senkt den Appetit. Die hier untersuchten Medikamente (Wirkstoffe Semaglutid, Liraglutid, Exenatid, Dulaglutid und Tirzepatid) können ebenfalls an den Rezeptor für dieses körpereigene Peptid binden und seine Wirkungen imitieren bzw. verstärken. Man nennt sie daher GLP-1-Rezeptor-Agonisten (GLP-1-RAs).
Aktueller Wissensstand zusammengefasst
Ein internationales Forscherteam trug nun die verfügbare Evidenz aus Humanstudien, die sich mit der Frage befasst hatten, ob GLP-1-RAs riskantes Trinkverhalten reduzieren und das Verlangen nach Alkohol mindern können, zusammen. Dazu wurden die Daten von zehn Beobachtungsstudien und vier Interventionsstudien systematisch ausgewertet und analysiert. Insgesamt standen Daten von gut 5,2 Millionen Erwachsenen (57 % männlich) zur Verfügung, die größtenteils aus Beobachtungsstudien stammten. 356 Probanden waren in Interventionsstudien untersucht worden, in denen man die Effekte von GLP-1-RAs mit jenen von Placebos verglichen hatte.
Alle Studienprobanden waren als Personen mit riskantem Trinkverhalten eingestuft (z. B. mehr als 14 Drinks/Woche bei Männern und mehr als 7 Drinks/Woche bei Frauen) oder als Personen mit Alkoholkonsumstörung (engl. Alcohol Use Disorder, AUD). Dieser wurde anhand validierter Skalen festgestellt, z. B. anhand der AUDIT-Skala (Alcohol Use Disorders Identification Test, Skala von 0 bis 40). Die meisten waren zusätzlich schwer übergewichtig (adipös) und/oder an Typ-2-Diabetes erkrankt.
Verringerter Alkoholkonsum, weniger Konsumstörung-Symptome
Quer durch alle Studien zeigte sich, dass die Verwendung von GLP-1-RAs mit geringeren Konsummengen und weniger Trinktagen einhergeht. In einer der Interventionsstudien konnte der Wirkstoff Semaglutid die AUDIT-Skala der Probanden im Durchschnitt um 9,5 Punkte senken. Damit war das eingangs riskante Trinkverhalten in eine risikoarmes Trinkverhalten verwandelt. Auch wenn sich die Effekte je nach Wirkstoff etwas unterschieden, so scheint dies doch ein Klasseneffekt zu sein: GLP-1-RAs senken den Alkoholkonsum und verringern die Symptome bei Alkoholkonsumstörung.
Auch das Verlangen nach alkoholischen Getränken war vielfach verringert, etwa, wenn die Probanden dem Anblick ausgesetzt waren. Diagnosen einer Alkohol-Missbrauchserkrankung und alkoholassoziierte Krankenhauseinweisungen kamen ebenfalls seltener vor, wenn GLP-1RAs eingesetzt wurden. Die Rückfallquoten fielen im Vergleich zur Anwendung herkömmlicher Suchtmedikamente auch niedriger aus. Die Autoren führen dies insbesondere auf den dämpfenden Einfluss der GLP-1-RAs auf die Belohnungszentren im Gehirn zurück.
Vielversprechende Ergebnisse – weitere Studien nötig
Die meisten der hier ausgewerteten Daten stammen aus Beobachtungsstudien. Daraus dürfen keine Ursache-Wirkungs-Belege abgeleitet werden. Insgesamt weist die Datenanalyse jedoch darauf hin, dass GLP-1-RAs vielversprechende Medikamente zur Prävention und Behandlung von Alkoholassoziierten Erkrankungen sind. Um sie dafür verordnen zu können, müssten sie jedoch repositioniert werden, denn bislang sind sie nur bei Adipositas und Typ-2-Diabetes zugelassen. Bevor dies geschieht, so die Autoren, seien weiterführende und genauere Studien nötig, vor allem solche, in denen die Angaben zum Trinkverhalten nicht ausschließlich aus eignen Angaben der Probanden stammen und in denen die Ergebnisse systematischer erfasst und bewertet werden.
Quelle: Eshraghi, R et al.: Effects of glucagon-like peptide-1 receptor agonists on alcohol consumption: a systematic review and meta-analysis. eClinicalMedicine 2025;90:103645






