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Fragen und Antworten zum Konsum alkoholischer Getränke und der „Null-Promille-Empfehlung“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)

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Der Wein erzählt Geschichte(n) Folge 18

Kritik an der "Trockenlegung" vor 100 Jahren. Vieles kommt einem bekannt vor an den Meldungen von 1926, die sich mit den Abstinenzlern und deren Trockenlegungsplänen befassten.

Das Karnevalswochenende lag vor 100 Jahren fast genauso wie in diesem Jahr: der Rosenmontag fiel auf den 15. Februar. Vielleicht war die bevorstehende Karnevalszeit der Anlass, dass im Deutschen Weinbau in der Ausgabe vom 11. Februar 1926 mehrere Meldungen veröffentlicht wurden, die sich mit den Abstinenzlern und deren Trockenlegungsplänen befassten.

Christenpflicht und Prohibitionsgesetze unvereinbar

Eine dieser Meldungen war überschrieben mit Warnung vor der Trockenlegung. Sie lautete: „Der neue Vorsitzende der lutherischen Geistlichkeit von Pennsylvania und der angrenzenden Staaten, Pastor Dr. George W. Sandt, hat, wie die New Yorker Staatszeitung berichtet, vor kurzem eine Erklärung veröffentlicht, in der er für eine Milderung des seiner Ansicht nach viel zu drakonischen Prohibitionsgesetzes eintritt. Das 18. Amendement habe das Heer der verbrecherischen Schnapsschieber geschaffen und damit etwas Schlimmeres heraufbeschworen als die Salons. Der Kongress müsste das Gesetz mildern, damit jeder Bürger seine Christenpflicht der Befolgung der Gesetze erfüllen könne.“ 

Ein Jahrhundert nach dieser Meldung, in einer Zeit von Fake-Meldungen, fragt man sich als kritischer Leser, ob es diesen Pastor Sandt tatsächlich gegeben hatte. Dank Internet und KI findet man ihn: George Washington Sandt (22. Februar 1854 – 8. Januar 1931) war ein bekannter amerikanischer lutherischer Pastor, Theologe, Herausgeber und Autor.  Sandt war als lutherischer Pastor tätig, predigte das Evangelium und verteidigte traditionelle lutherische Bekenntnisse. Er war Herausgeber von The Lutheran, der offiziellen Publikation des Generalrats der Lutherischen Kirche in Amerika und später der Vereinigten Lutherischen Kirche in Amerika. Diese Position hatte er von etwa 1896 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1927 inne - und seine Bekanntheit reichte sogar über den Atlantik bis in die Redaktionsstuben einer Winzerzeitung!

Dazu passt eine zweite Meldung, die folgendermaßen überschrieben war:

Schnapsschmuggler als politische Machthaber

„Der Vorsitzende des amerikanischen Turnerbundes Seibel, der kürzlich in München weilte, erklärte den Münchener Neuesten Nachrichten, dass die Prohibition in Amerika zu einer Bosse geworden sei. Frühere Abstinenzler, so erklärte er, trinken jetzt und frühere Trinker saufen. Die Schnapsschmuggler würden in wenigen Monaten zu reichen Leuten und seien jetzt auch zu politischen Machthabern geworden. Die Bestechlichkeit der amerikanischen Beamtenwelt sei ins Groteske gestiegen. Man könne in irgendeiner amerikanischen Stadt mehr Betrunkene sehen, als in England und Deutschland zusammen. Die Prohibition sei die frechste Dummheit und die dümmste Frechheit gewesen, zu der sich die menschliche Gesetzgebung je habe verleiten lassen. Fast niemand beachte das Gesetz.“ Da wird man als Leser selbst 100 Jahre später neugierig, ob es diesen Seibel tatsächlich gegeben hat, der laut Redaktion des DDW derartig massive Vorwürfe äußerte. 

Und in der Tat, die Google-KI verrät uns folgendes:George Seibel war eine bekannte Persönlichkeit in der deutsch-amerikanische Turnerbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er war von 1923 bis 1937 der Präsident des amerikanischen Turnerbundes (North American Turnerbund / American Turners). Obwohl er als einer der einflussreichen Führer im frühen 20. Jahrhundert gilt, wird er in Quellen insbesondere im Zusammenhang mit der Zeit um den Ersten Weltkrieg und danach erwähnt. Seibel war maßgeblich an der Neuausrichtung der Turnerbewegung zu einer stärker "amerikanisierten" Organisation beteiligt ("Turnerism is Americanism"), um in der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Nachkriegszeit den deutsch-amerikanischen Charakter der Turnerbewegung an die USA anzupassen. Seibel war in Pittsburgh ansässig und kulturell aktiv. Im Jahr 1933 erregte er Aufmerksamkeit, als er während einer internationalen Radiosendung Adolf Hitler als „messianischen Harlekin“ bezeichnete, woraufhin er von der deutschen Regierung zensiert wurde. Festzuhalten gilt: als die Meldung in DDW erschien, war er eine bekannte Persönlichkeit in Deutschland, so dass die Meldung in DDW Aufmerksamkeit generieren konnte! 

Makabre Ironie der Abstinenten

Aller guten Dinge sind drei. In der gleichen Ausgabe des DDW erschien folgende Meldung: Neuerdings treten die Antialkoholiker (Trockenleger) auch im Nahe- und Hunsrückgebiet auf, um hier für ihre Ideen zu werben. Sie bringen Zettel zur Verteilung, auf denen Folgendes gedruckt steht: 

Ich trinke alkoholische Getränke: 

  1. weil der menschliche Körper die Krone der Schöpfung ist und ich diesen wundervollen Bau durch Alkohol zerstören will;
  2. weil der Alkohol für meine fein gebaute Lunge, die empfindlichen Schleimhäute des Magens, überhaupt den Gesamtorganismus passt wie eine Faust aufs Auge;
  3. weil ich überflüssiges Geld habe, das Alkoholgewerbe ernähren muss, die Gesundheit meiner Frau und Kinder zerrütten und den vorzeitigen Tod herbeiführen will;
  4. weil ich die kostbare Zeit vergeuden will;
  5. weil ich die abscheulichen Trinksitten hochhalte, welche meine Mitmenschen in Krankheiten, Elend, Hunger, Irrenhaus und frühes Grab bringen. 

Das verschlägt mir noch nach hundert Jahren die Sprache und der damaligen Redaktion offenbar auch, die sich jeden Kommentars enthielt. Auch eine Art von Trockenlegung!

 

Quelle: Der Deutsche Weinbau (1926), S. 70. Nr. 6 vom 11. Februar 1926.

Rudolf Nickenig, Remagen
Anfang Februar 2026

Erstellt am
Kultur & Gesellschaft Der Wein erzählt Geschichte(n) 2026