Vor 95 Jahren – Die lebensverlängernde Kraft des Moselweins
Der Wein erzählt Geschichte(n) Folge 17
1930, also vor 95 Jahren fand der 36. Deutsche Weinbaukongress in Trier statt. Es war eine außerordentliche Veranstaltung im „befreiten Trier“, wie es nach dem Ende der französischen Rheinlandbesetzung hieß. Nach bitteren, entbehrungsreichen Zeiten war die Hoffnung auf eine positive Entwicklung in der Weinbranche groß. Nationale und nationalistische Töne wurden lauter, das Selbstbewusstsein wuchs, auch in der Auseinandersetzung mit den Alkoholgegnern. Ein bemerkenswertes Beispiel ist der Beitrag „Alte Moselwinzer“ von Dr. Felix Meyer in der 1930er Kongress-Schrift. Der Autor hatte seit Beginn der 1920er Jahre viele historische Beiträge in Fachzeitschriften sowie ein Standardwerk über den „Weinbau und Weinhandel an Mosel Saar Ruwer“ veröffentlicht. Eines der wenigen Fotos, die von ihm verfügbar sind, zeigt ihn in NS-Uniform kurz vor seinem Tod 1934, als er gerade Bürgermeister in Ahrweiler geworden war.
Wer da noch lacht, ist selbst schuld
Sein Artikel in der Kongressschrift über „Alte Moselwinzer“ startete folgendermaßen: Vor allem der Moselwein ist bekömmlich und gesund. Zwei Ärzte stritten sich einst über den Einfluß des Weingenusses auf die Lebensdauer. Der eine, ein einseitiger fanatischer Abstinenzler, verurteilte den Weingenuß rundweg, der andere, ein Freund des Moselweins, suchte seinen Kollegen auf einer Fahrt ins Moseltal durch lebendige Beispiele zu überzeugen. Sie stiegen in einem Orte ab, wo noch 2 alte Winzer leben sollten. Sie fanden auch schnell einen von beiden und frugen, ob er in seinem Leben viel Wein getrunken habe. „O ja“, meinte der, „ich hab´ schon ziemlich viel gebechert“. Wie alt er denn sei, frugen die Ärzte weiter. „Ich bin jetzt 95 Jahre alt“, sagte der Winzer. „Ei, dann sind sie sicher wohl der älteste von den beiden von uns gesuchten Winzern?“ meinten die beiden Ärzte. „Wir glaubten, Sie wären der jüngere von beiden, weil Sie noch so rüstig aussehen.“ „Ach nein“, sagte da der Winzer, „Sie suchen sicher meinen Alten, der ist 125 Jahre alt, der liegt oben auf seinem Bett und ist schon wieder voll!“ Der bleichsüchtige Antialkoholiker war überzeugt von der lebenserhaltenden und lebensverlängernden Kraft des Moselweins und lud seinen Kollegen zu einer guten Flasche Moselwein ein.
Überhebliche und nationalistische Fehltöne
Was kann uns dieser Beginn eines eigentlich harmlosen Beitrags in einer Kongressschrift des Jahres 1930 verraten? Der hier erzählte Witz gab und gibt es in allerlei Variationen. Aber diese Version hier lässt die Feinheit des Humors, eine Finesse, die dem Moselwein eigen ist, vermissen. Stattdessen gibt es plumpe Übertreibungen, die auch das Gespür für die Ernsthaftigkeit der Thematik vermissen lassen. Hier zeigt sich eine ausbreitende Selbstüberheblichkeit der NS-Anhänger, die gepaart mit nationalistischen Tönen sich an einer weiteren Passage des Textes verdeutlichen lässt:
Für den Gesunden ist derjenige Wein nach Professor Bergmann-Berlin am bekömmlichsten, der im eigenen Lande gewachsen ist. Unser deutsches Blut sei in seiner Mischung den feurigen Weinen Spaniens, Italiens und Südfrankreichs nicht angepasst, sodass wir ihn nicht zur Lebensgewohnheit erheben könnten, ohne unser Wohlbefinden irgendwie zu beeinträchtigen. Es sei ferner ein ganz unbegründetes Vorurteil, meint er, dass für bejahrte Leute Südweine am zuträglichsten seien. Im Gegenteil gerade in diesem Alter seien leichte und alkoholarme Sorten, insbesondere der Mosel- und Saarwein vorzuziehen, weil wegen der Brüchigkeit der Gefäßwände bei Greisen eine heftig erregte Blutbelebung vermieden werden müsse. Es verdiene mit starker Betonung hervorgehoben zu werden, dass unseredeutschen Weine einen viel milderen und daher der Gesundheit zuträglicheren Alkoholgehalt haben als die verspriteten südländischen Dessertweine Italiens, Spaniens und Portugals, wo er 14 bis 20 % betrage, während unsere stärksten Rheinweine nicht mehr als 10 % Alkohol aufweisen und die Mosel- und Saarweine ihn durchschnittlich sogar nur zu 8 % enthalten.
Bei Aussagen wie, deutsches Blut verträgt nur deutsche Weine, wird es uns heutigen Lesern zumindest schummrig.
Moselwinzer werden steinalt
Der Artikel ist trotz dieser nationalistischen Fehlgriffe aus fachlicher Sicht interessant. Denn der Verfasser hatte mit Hilfe der Standesämter in allen Moseldörfern eine Untersuchung über das Lebensalter der Moselwinzer durchgeführt (s. Abb. 1 und 2). Eine große Anzahl von Beispielen wurden in dieser Veröffentlichung aufgelistet. Meyer betonte allerdings: es kommt ihm weniger auf einzelne Zahlen an, als auf die starke Tendenz und Möglichkeit zur Lebensverlängerung. Das Durchschnittsalter eines Deutschen werde an der Mosel sowohl bei Männern als auch bei Frauen weit überschritten. Die meisten Leute werden an der Mosel älter als in anderen deutschen Gebieten. Goldene Hochzeiten verlieren hier den Reiz des Seltenen und erst diamantene Hochzeiten lösen hier das Staunen der moselländlichen Mitmenschen aus, denn hier werden die meisten Leute steinalt. Damals galten Menschen als steinalt, wenn sie die „80“ überschritten, lehrt die Zusammenstellung von Felix Meyer. (s. Abb. 3). Die Zielmarke war aber damals schon ein Alter von „100“ zu erreichen (s. Abb. 4).
Quelle: Offizielle Festschrift 36. Deutscher Weinbau-Kongress vom 30. August bis 2. September 1930 in Trier. Alte Moselwinzer von Dr. Meyer, Zeltingen, S. 67-70.
Rudolf Nickenig, Remagen
15.12.2025



