Vor knapp 300 Jahren – Empfehlungen zur Lebensverlängerung
Der Wein erzählt Geschichte(n) Folge 16
Fast könnte man sich darüber wundern, dass in dieser total aus den Fugen geratenen Welt immer mehr Menschen das Ziel verfolgen, mit skurrilen Methoden ihre Lebenserwartung verlängern zu wollen. Für diesen Trend benutzen die Medien und die Langlebigkeits-Anhänger natürlich kein deutsches Wort, sondern sprechen von Longevity, von methods and strategies um unseren Healthspan, also unsere gesunde Lebensspanne, zu verlängern und welche Biohackings dies unterstützen können. Versuchen wir es in Deutsch zu erklären: Es handelt sich um eine Selbstoptimierung, um die eigene Gesundheit zu verbessern und den Alterungsprozess zu verlangsamen. Zu den propagierten Methoden gehören gesunde Ernährung und die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, regelmäßige körperliche Aktivität, Schlaf- und Stressmanagement, zum Beispiel durch Schlafüberwachung oder spezielle Matten sowie permanente digitale Messung von Gesundheitsdaten. Das meiste davon ist nicht neu, hat aber eine neue Radikalität. Es soll mehr Kontrolle über die eigene Gesundheit gewonnen werden. Die sehr persönlichen Daten werden dann in ausländischen Rechenzentren ausgewertet und die eigenen Bemühungen und Fortschritte zur Longevity werden in den Social-Media-Kanälen gepostet, in der Hoffnung auf Schutz der Privatsphäre und viele Follower.
Göttliche Vorgaben und menschliche Gestaltungsmöglichkeiten
Vor knapp 300 Jahren hatte man andere Medien, aber durchaus vergleichbare Ziele, was die Lebenserwartung anging. So lautete ein über 500 Seiten umfassender Ratgeber des ehemaligen kurpfälzischen Arztes Gottfried Samuel Bäumler und des elsässischen Arztes Georg Heinrich Behr aus dem Jahr 1738: Die gründliche Anweisung wie sich der Mensch, mit Verleihungen göttlicher Gnade, durch eine ordentliche Diät, bey guter Gesundheit erhalten und folglich zu einem hohen und geruhigen Alter gelangen könne. Als erstes fällt auf, dass man in der damaligen Zeit sich der Grenzen der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten bewusst war. Damals nannte man dies eine Vorbestimmung Gottes: jeder Mensch hat seine von Gott festgelegte Geburts- und Sterbensstunde. Die damaligen Mediziner sprachen daher bei der Lebenserwartung von einem übernatürlich festgelegten Ziel des Menschen. Aber es liege an ihm, diesen Rahmen so zu gestalten, dass er möglichst lange bei guter Gesundheit leben könne. Bereits in der Vorrede des Buches machten die Autoren im Klartext deutlich, was sie unter den Gestaltungsmöglichkeiten verstanden: doch muß der Mensch hierinnen allezeit gebührende Maaß zu halten wissen, und folglich der Sachen niemahls zu viel thun, d. i. er muß das Essen nicht in ein Fressen, noch das Trincken in ein Sauffen verwandeln, […]. Die Autoren hatten ihre umfangreichen und detaillierten Empfehlungen in eine Reihe von sog. Abhandlungen gegliedert.

Samuel Bäumler und des elsässischen Arztes Georg Heinrich Behr aus dem Jahr 1738
Maßvoll essen und trinken, viel bewegen und ausreichend schlafen
So gaben die damaligen Mediziner differenzierte Empfehlungen für die Ernährung von Menschen unterschiedlichen Alters, Standes und Geschlechts. Sie berücksichtigten Gewohnheiten bei Jungen und Alten, beim Essen und Trinken. Eine umfassende Abhandlung widmeten sie dem Trinken und betrachteten dabei speziell die Getränke Wein, Bier, Wasser und Tee. Dabei gingen es ihnen nicht nur um die Produkteigenschaften, sondern auch um die Trinkgewohnheiten und -anlässe. Die Autoren betonten die Notwendigkeit der körperlichen Bewegung, insbesondere für bestimmte soziale Schichten und Berufsgruppen. Das leuchtet ein, auch wenn die Begründungen uns heute fremd erscheinen: Wie nun der allweise Schöpffer dem Menschen die äussere bewegliche Glieder nicht umsonst und für die lange Weile, sondern zu dem Ende gegeben und mitgetheilet, daß er selbige auch bewegen und gebrauchen solle […]. Durchaus sozialkritisch unterscheiden sie die unterschiedlichen Bewegungsnotwendigkeiten: Gemeiner und armer Leute Bewegung bestehet insgemein im Holz hauen, Graben, Dreschen und anderen schweren Arbeiten […]. Bewegungsnotwendigkeit sahen sie insbesondere bei den Gelehrten, die allzuviel über den Büchern sitzen. Die Autoren unterstrichen die Bedeutung eines ausreichenden und gesundes Schlafs zur Erholung. Und nicht zuletzt legten sie großen Wert auf Hygiene.
In einem zweiten Teil des Buches gingen die Autoren näher auf zu empfehlende Nahrungsmittel und Getränke ein. Sie gaben Ratschläge für die Menge und für das Maß an Speisen, rieten zu beachtenden Tischregeln (regelmäßige Mahlzeiten), dazu gehörten auch Tipps, ordentlich zu essen und zu trinken.

Auf die Trinkmuster kommt es an
Die Autoren des beginnenden 18. Jahrhunderts empfahlen, die Nahrungsaufnahme mit einem Getränk zu begleiten. Sie empfahlen, Wasser als Durstlöscher zu verwenden, wenn Wein als Speisebegleiter gewählt wurde. Sind die Weine allzu starck, so ist billich, dass solche mit etwas Wasser vermischet werden! Das gegenseitige „Auf die Gesundheit Trinken“ lehnten sie als gesundheitsschädlich ab: so man aber das Gegentheil prakticieret und bey Tisch gleich den Anfang mit starcken Zügen oder großen Gesundheits-Gläsern machet, so muß der Mensch nothwendiger Weise gar bald truncken werden.
Die Autoren hingen sich sehr weit aus dem Fenster und empfahlen spezielle Weinsorten. Wenig erfreut müssen wir feststellen, dass sie den ausländischen Weinen den Vorzug gaben, weil sie besonders magenfreundlich seien. Sie versöhnten die Freunde der deutschen Weine, dass sie dann doch auch die Weine vom Rhein und seiner Nebenflüsse lobten.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass wir heute vieles anders sehen und vielleicht auch besser wissen. Beeindruckend ist jedoch, wie umfassend und vom Ansatz vergleichbar die Ratschläge für ein langes Leben formuliert wurden.
Rudolf Nickenig, Remagen
22.11.2025
