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Weinkulturelle Aspekte - November

Haben wir ein weinkulturelles Gedächtnis?
Mit dem Gedächtnis ist es so eine Sache. An positive Erlebnisse möchte man sich erinnern, an negative Dinge nicht. Das gilt auch für den Weinsektor. Dabei soll moderater Weingenuss das Gedächtnis stärken, hieß es vor Jahren in Forschungsberichten. An sie kann oder will man sich heute nicht mehr erinnern.

Grund dafür könnte sein, dass man die heutigen alkoholphoben Gesundheitsgötter nicht reizen möchte. Im antiken Götterhimmel nahm man die positiven Auswirkungen des moderaten Weinkonsums auf Gedächtnis und Kreativität noch nicht zur Kenntnis. Infolgedessen gab es auch eine andere Aufgabenverteilung zwischen den Gottheiten: Dionysos war für den Wein und den Rausch, Mnemosyne war für das Gedächtnis sowie für die Wissenschaften und schönen Künste zuständig. Unter irdischen Verhältnissen bewies Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), dass diese Aufgabentrennung nicht zwingend ist: er führte Weingenuss, Wissenschaft und schöne Künste in einer Hand zusammen. Und so ist er uns in guter Erinnerung geblieben.

Kollektives Gedächtnis in der Weinbranche

Wenn es denn mit dem Gedächtnis und dem Erinnern so einfach wäre, für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft. Der französische Philosoph und Soziologe Maurice Halbwachs (1877–1945) bescherte uns den Begriff des „kollektiven Gedächtnisses“, im Gegensatz zum individuellen Gedächtnis. Und er ging noch einen Schritt weiter: Solange an bestimmte Sachverhalte noch Erinnerungen in der Gesellschaft bestehen, gehören sie in den Bereich des kollektiven Gedächtnisses; wenn sie verblassen, werden sie zu Geschichte. Ein Schelm, der Böses dabei denkt: ach, vergessen wir doch einfach die alten Vorkommnisse, aus den 1930er oder 1980er Jahren, dann brauchen wir uns ihrer nicht mehr zu schämen, dann sind sie nur noch alte Geschichte(n). Nein, das ist natürlich nicht im Sinne von Halbwachs. 


Weinkulturelles Gedächtnis und Erinnerungsorte

Die beiden Kulturwissenschaftler Aleida (*1947) und Jan (*1938) Assmann erforschen seit gut drei Jahrzehnten Formen des kollektiven Erinnerns. Für ihre Arbeit wurden die beiden 2018 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Gemeinsam entwickelte das Ehepaar den Grundgedanken des „kulturellen Gedächtnisses“. Sie schufen ein Ideenkonzept, wonach gesammeltes kulturelles Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ein Wissen, welches das Zeit- und Geschichtsbewusstsein einer Gesellschaft sowie ihr Selbst- und Weltbild bestimmt. Geprägt wird das kulturelle Gedächtnis durch sogenannte Fixpunkte. Der französische Historiker Pierre Nora (*1931) nannte diese Fixpunkte „Erinnerungsorte“, die für eine gelebte kulturelle Identität essentiell sind. Der Begriff Erinnerungsort ist laut Nora nicht nur physisch (wie z. B. Bauwerke, Denkmäler) zu verstehen, sondern es kann sich auch um Ereignisse und immaterielle Objekte handeln, um Feste, Rituale, Gedenktage, Musik, Tanz und um Symbole. Wichtig hierbei: es handelt sich also um eine organisierte Erinnerungskultur.

Erinnerungskultur an Höhepunkte und Tiefpunkte

Wer kümmert sich in der deutschen Weinbranche um die Ausgestaltung, Entwicklung, Pflege, um das Sichern und Voranbringen eines weinkulturellen Gedächtnisses? Es gibt eine Reihe von Aktivitäten, die aufgelistet werden können. Das Konzept „Höhepunkte der Weinkultur“, organisiert vom Deutschen Weininstitut, gehört dazu. Wer kümmert sich eigentlich um eine Erinnerungskultur der Tiefpunkte? Immerhin hat die Gesellschaft für Geschichte des Weines eine Herbsttagung 2023 zum Thema „Weingeschichte, Erinnerungskultur und Zukunftsvorsorge“ angekündigt. Noch werden nicht alle denkbaren „Erinnerungsorte“ mit Leben gefüllt, manche sogar aufgegeben, wie die Ernennung von Weinkulturpreisträgern.

Es gibt viele regionale weinkulturelle Verortungen, in der Regel in Kombination mit Tourismus und Weinmarketing. Aber, nicht jedes durchgeführte Weinfest ist ein weinkultureller Erinnerungsort. Es wäre keine schlechte Idee, wenn die Weinbranche einen Diskurs über ihr weinkulturelles Gedächtnis an gute und schlechte Zeiten unabhängig von aktuellen Geschäftsinteressen wagen würde. Denn die heutige Pflege und Entwicklung einer weinkulturellen Erinnerungskultur wird morgen das Image von Wein in einer Gesellschaft prägen, in der antialkoholische Stimmen immer lauter werden. Sie kommen nicht vom griechischen Götterhimmel, nicht von Dionysos oder Mnemosyne, sondern wohl eher von Miesepeter*innen der WHO und Co., die auch ein Gedächtnis verorten, aber ein anderes.     

Autor: Dr. Rudolf Nickenig, Remagen

Erstellt am
Weinkulturelle Aspekte

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