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Weinkulturelle Aspekte - Mai

Welches Ereignis der deutschen Weinkultur ist von historischer Bedeutung?
Die politischen Kommentatoren sind oder waren sich einig: Die „Zeitenwende“-Rede von Olaf Scholz am 27. Februar war historisch. Warum eigentlich? Wann ist ein Ereignis historisch? Übertragen wir die Frage in unsere Branche: Welches Ereignis der deutschen Weinkultur ist als historisch einordnen? War die Anerkennung der deutschen Weinkultur als UNESCO-Weltkulturerbe ein historisches Ereignis?

In der Geschichts- und Kulturwissenschaft bezeichnet man ein Ereignis als historisch, wenn es zu einer raschen und nachhaltigen Veränderung bestehender Verhältnisse oder Perspektiven führt. Nach einer Definition des Historikers Reinhart Koselleck teilt es die Zeit in ein Vorher und Nachher. Oder um es mit Olaf Scholz zu sagen: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie davor. Er bezog dies auf den Ukraine-Krieg. Ähnliche Einordnungen wurden für den Mauerbau 1961 oder ihren Fall im Jahre 1989 vorgenommen.

Die ,Entdeckung' der Spätlese

Ein historisches Ereignis setzt voraus, dass die Veränderung sowohl inhaltlich als auch in ihren Auswirkungen eine große Wirkungsbreite entfaltet. Vorkommnisse mit begrenzter Wirkung bieten höchstens den Stoff für Histörchen. Historische Ereignisse können Ergebnis bewusster Entscheidungen sein, z. B. der Ausstieg aus der Kernenergie. Häufig sind sie jedoch das Ergebnis einer unvorhersehbaren Katastrophe oder einfach auch Zufall. Dies trifft zum Beispiel auf die wunderbare Geschichte von der „Entdeckung“ der Spätlese zu. Sie wurde zufällig entdeckt, da der reitende Bote des Fürstabtes von Fulda, der den Mönchen im Kloster Eberbach den Termin des Lesebeginns mitteilen sollte, zu spät kam, so dass die Trauben länger reiften und die Edelfäule erreichten. Dabei spielte die Ursache der Verspätung des Reiters keine Rolle. Der Vorfall wurde zu einem historischen Ereignis, weil die Betroffenen aus dem einmaligen Vorgang eine dauerhafte und auch erfolgreiche Veränderung der Weinbereitung ableiteten. Ein historisches Ereignis erfordert also die Wahrnehmung durch Betroffene, durch ein Publikum, das die Bedeutung des Ereignisses erkennt und dauerhaft wirkende Schlussfolgerungen daraus zieht. Ist dies bei der Anerkennung der deutschen Weinkultur als Weltkulturerbe der Fall?

Die durchaus umstrittene Geschichtsschreibung als Ereignisgeschichte macht Veränderungen oft an bestimmten Daten oder Personen fest. Rechtliche Änderungen können das Potential für eine historische Veränderung haben (Grundgesetz, Wahlrecht der Frauen etc.) War das erste Weingesetz 1892 ein weinhistorisches Ereignis? Es verbot die Verwendung gesundheitsschädlicher und wesensfremder Stoffe, war aber wegen der sog. Kunstweinregelung rasch überholungsbedürftig. War die erste europäische Wein-Verordnung Nr. 24 aus dem Jahr 1962, also vor 60 Jahren, ein weinhistorisches Ereignis? Kaum jemand kennt sie in der europäischen Weinbranche, obwohl sie die Grundlage für die europäische Weinmarktordnung schuf, die zwar xmal geändert wurde, aber heute noch immer den EU-gemeinschaftlichen Rechtsrahmen bildet. Verliert ein historisches Ereignis seinen Stellenwert, wenn es in Vergessenheit gerät? Nicht wenige historische Ereignisse, zu denen in der deutschen Weinbranche vielleicht auch das 1971er Weingesetz zählt, werden von den nachfolgenden Generationen unterschiedlich bewertet.

Kehren wir zur Ausgangsfrage zurück: welche Ereignisse der deutschen Weinkulturgeschichte sind als historisch einzuordnen, im Hinblick auf ihre nachhaltige Bedeutung und ihre Wirkungsbreite? Schreiben Sie uns! Wir sind gespannt auf Ihre Einstufungen und Bewertungen!  

Autor: Dr. Rudolf Nickenig, Remagen

Erstellt am
Weinkulturelle Aspekte

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