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Kolumne Nachgeforscht Mai 2021

Mein Schwiegervater, meine Patentante, ein Onkel – alle klagten über das Glei­che: Sie sahen Nebel – auch bei Son­nenschein. Daher lese ich nicht über die neuste Arbeit hinweg, die letzten Monat in einem Fachblatt der internationalen Augenheilkunde publi­ziert wurde.

Studien zu Grauem Star und Alkoholkonsum treffen Aussagen zum Trinkmuster
Wenn die Welt hinter einem Schleier zu verschwinden scheint, muss man an Grauen Star (Katarakt) denken. Die sonst klare Linse trübt sich zunehmend und das Sehvermögen nimmt stetig ab. Un­behandelt kann er zur Erblindung führen. Durch Austausch der trü­ben Linse gegen eine Kunstlinse lässt sich diese Augenkrankheit gut therapieren.

Weniger Katarakt-Operationen bei moderatem Alkoholkonsum
Bei meiner Recherche bin ich er­staunt, wie oft schon zu modera­tem Alkoholkonsum und Grauem Star geforscht wurde. Manchmal fand man bei moderaten Trinkern weniger Fälle, meist allerdings keine Beziehung. In dieser Originalarbeit wurden die Ergebnisse zweier Studien vorgestellt, in denen neben Gesundheitsfaktoren auch der Alkohol­konsum und die Betroffenheit an Grauem Star erfragt wurde.

Das Hauptergebnis vorweg: In beiden Analysen zeigte sich bei den moderaten Alkoholkonsumenten signifi­kant weniger Katarakt-Operationen als bei Abstinenten.

Im Detail: Die erste, deutlich kleinere EPIC-Norfolk- Befragung war mit knapp 20.000 Teilnehmern der britische Teil einer großen multizentrischen Kohorten­studie aus ganz Europa. Bei denjenigen, die bis zu 89 Gramm Alkohol pro Woche – entsprechend sehr mo­deraten 13 Gramm pro Tag - konsumierten, fanden sich 18 Prozent weniger Katarakt-Operierte.

Protektive Effekte bei moderaten Weintrinkern
Die Daten der zweiten Untersuchung, der UK Bio­bank-Studie mit über 430.000 Probanden, ver­wiesen auf sieben bzw. sechs Prozent weniger Patienten mit ausgetauschter Linse in der Gruppe, die ein- bis zweimal bzw. drei- bis viermal pro Woche alkoholische Getränke konsumierten. Das Besondere: Hier wurde ein nicht unwichti­ger Effekt – nämlich das Trinkmuster – aufgenommen, also die Frequenz des Trinkens und nicht der abso­lute Gramm-Wert. Dies ist studientechnisch zwar ein Nachteil (unterschiedlicher Ansatz), hinsichtlich der Interpretation aber durchaus ein Plus. Das sahen die Forscher ebenso. Diese haben zudem ausgewertet, welches alkoholische Getränk präferiert wurde. Der engste protektive Effekt in beiden Untersuchungen war bei den moderaten Weintrinkern zu finden (bis zu einem Glas pro Tag): In der EPIC-Norfolk-Studie zeigten diese 23 Prozent weniger Katarakt-OPs als Abstinente, bei der UK Bio­bank-Studie waren es 14 Prozent.

Erklärung ist dennoch mit Vorsicht zu genießen
Eine mögliche Erklärung, warum sich gerade bei Weingenießern sig­nifikant bessere Ergebnisse zeigten, lieferten die Forscher gleich mit: Der altersbedingten zunehmenden Empfindlichkeit gegen oxidativen Stress, auch die der Linse, könnten die antioxidativ wirkenden Polyphenole im Wein ent­gegenwirken.

Obwohl die Erklärung biologisch einen Sinn ergibt, ist sie mit Vorsicht zu genießen. Denn bei aller Freude über das Ergebnis hätte der Kontext geklärt werden müssen, vor allem hinsichtlich der Ernährung, die ja mit Obst, Gemüse und Olivenöl den Hauptlieferanten an phenolischen Substanzen darstellt. Ernährungsdaten wurden zwar erhoben, aber nicht hinsichtlich dieses Punktes ausgewertet.

Wissenschaft und individuelle Erkenntnis sind nicht immer ganz deckungsgleich. Meine Verwandten pflegten zeit ihres Lebens den moderaten Weinkon­sum, kamen aber dennoch nicht um eine neue Linse herum – allerdings erst im hohen Alter. Ich proste ih­nen (virtuell) zu und hoffe noch länger auf Beibehalten meines eigenen Durchblicks. 

 

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Kolumne Nachgeforscht Trinkmuster

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