Neues aus der Wissenschaft

Wein und Herz: Neue Diskussionen um die J-Kurve

Schützt ein maßvoller Konsum alkoholischer Getränke wirklich vor dem Herztod? Oder sieht es nur danach aus, weil unter den Abstinenten auch viele ehemalige Konsumenten sind und Menschen, die aufgrund einer bestehenden Erkrankung keine oder kaum noch alkoholische Getränke zu sich nehmen? Erfreuen sich ältere Weintrinker nur deshalb einer guten Gesundheit, weil sie ohnehin gesünder leben und deshalb andere Konsumenten überlebten? Kritiker bezweifeln grundsätzlich, dass die vielfach gezeigte J-förmige Beziehung zwischen dem Konsum alkoholischer Getränke und der Sterblichkeit an koronaren Herzkrankheiten echt ist. So auch die Autoren einer aktuellen Meta-Analyse, ein Team aus kanadischen, australischen und amerikanischen Epidemiologen, Sucht- und Drogenforschern. 

Analyse der Kritiker bestätigt J-Kurve

Die Wissenschaftler fanden 45 prospektive Beobachtungsstudien, die sich für ihre Analyse eigneten. Nach Auswertung aller Daten war das relative Risiko, an einer koronaren Herzkrankheit zu sterben, bei geringem (< 25 g Alkohol/Tag) und bei moderatem Konsum (25 - < 45 g Alkohol/Tag) im Vergleich zur lebenslangen Abstinenz signifikant um 20 % vermindert. Bei allen anderen Trinkmengen war es zumindest nicht erhöht. 

Da Faktoren (z.B. Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand zu Beginn der Studie, ethnische Herkunft, Studienqualität) die J-förmige Beziehung beeinflussen können, wurde eine Auswertung der Untergruppen vorgenommen. 

Konsistente Ergebnisse in den Untergruppen

Wo die Studien Daten von Frauen und Männern getrennt ausgewiesen hatten, zeigte sich ebenfalls ein signifikant verringertes Risiko bei geringem Konsum alkoholischer Getränke: um 14 % bei den Männern und um 19 % bei den Frauen. Bei Männern ging auch der moderate Konsum (bis 45 g Alkohol/Tag) mit signifikant geringeren Risiken einher (- 16 %). Ein höherer Konsum (bis zu 65 g Alkohol täglich) war bei beiden Geschlechtern nicht mit erhöhten Risiken verbunden.  

Wurden nur die älteren Kohorten analysiert, fand sich eine signifikante Risikosenkung um 19 % bei geringem und um 23 % bei mittlerem Konsum. Lediglich in den jüngeren Kohorten und bei den zu Studienbeginn herzgesunden Teilnehmern fanden sich keine signifikanten Zusammenhänge, sondern nur Trends. Dies wundert jedoch nicht, da sich ein vermindertes Herzinfarktrisiko in jungen Jahren und bei Herzgesunden noch gar nicht auswirken kann. 

Die Studien wurden auch danach unterteilt, ob sie vorrangig westliche Populationen untersucht hatten oder asiatische. In der Gruppe der amerikanischen, europäischen und australischen Studien fielen die Ergebnisse praktisch genauso aus wie in der Gesamtanalyse: ein um 19 % geringeres Sterberisiko bei geringem und ein um 17 % verringertes Risiko bei mittlerem Konsum. In den asiatischen Studien gab es keine signifikanten Zusammenhänge, jedoch Trends in die gleiche Richtung. 

Höchste Risiken bei Ex-Konsumenten

Den Autoren der Meta-Analyse war es wichtig, ausschließlich lebenslang Abstinente in der Vergleichsgruppe zu haben und bewerteten die einbezogenen Studien danach, ob dies der Fall war. Indem sie die ehemaligen und die gelegentlichen Konsumenten gesondert aufführten, wollten sie den „Sick Quitters-Effekt“ minimieren, der das Ergebnis zu ungunsten der Abstinenz verzerren würde. 

Eine entsprechende Aufschlüsselung der Daten ergab unter den ehemaligen Konsumenten ein um 25 % signifikant erhöhtes Risiko, an einer koronaren Herzkrankheit zu sterben. Dies zeigte sich auch in den meisten Untergruppen: bei Männern (bei den Frauen nicht signifikant), bei älteren und jüngeren Kohorten und gleichgültig, ob die Teilnehmer zu Studienbeginn herzgesund waren, oder ob dies keine Berücksichtigung gefunden hatte. 

Kritik an der Methodik

In einem parallel veröffentlichten Kommentar kritisieren zwei Wissenschaftler aus Boston das Vorgehen der Autoren der Meta-Analyse. So sei es prinzipiell fraglich, ob lebenslange Nichttrinker die optimale Vergleichsgruppe darstellen. Immerhin handele es sich bei ihnen um eine sehr kleine, nicht repräsentative Bevölkerungsgruppe. Zudem seien für die Analyse -nach Meinung der Harvard-Forscher- ungeeignete statistische Verfahren angewendet worden. Mit den passenden Methoden und bei genauerem Hinsehen bestätige die neue Analyse eher die erstaunliche Konsistenz der seit 40 Jahren immer wieder beobachteten Zusammenhänge, wonach der maßvolle Genuss alkoholischer Getränke im Vergleich zur Abstinenz mit verringerten Krankheits- und Sterberisiken einhergeht. 

Statt sich in immer weiteren Analysen vorhandener Beobachtungsstudien zu verlieren, so die Kommentatoren Mukamal und Ding, sollten Wissenschaftler besser ihre Kräfte bündeln und den Zusammenhang zwischen einem moderaten Konsum alkoholischer Getränke und der Herzgesundheit in einer sorgfältig geplanten, ausreichend großen Interventionsstudie untersuchen. 

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