Neues aus der Wissenschaft

Moderater Konsum: Einfluss auf`s Gehirn?

Unbestritten ist Alkoholmissbrauch auch schädlich fürs Gehirn. In etlichen Beobachtungsstudien hatte sich jedoch gezeigt, dass ein maßvoller Konsum alkoholischer Getränke unter anderem mit einem verminderten Risiko für demenzielle Erkrankungen einhergeht. Eine neue britische Studie scheint diese Beobachtungen in Frage zu stellen. Sie kommt zu dem Schluss, dass auch moderate Mengen alkoholischer Getränke mit Beeinträchtigungen der Hirnfunktionen und von Hirnstrukturen verbunden sind. Damit seien auch restriktivere Konsumempfehlungen nötig. 

Keine Trinkmuster ermittelt

Bei einer Untergruppe der englischen Whitehall II Studie, bestehend aus 550 Männern und Frauen (79% Männer), die zu Studienbeginn 1985 im Schnitt 43 Jahre alt waren und von denen man Angaben zum wöchentlichen Konsum alkoholischer Getränke hatte, wurden im Studienverlauf fünfmal Tests der kognitiven Fähigkeiten durchgeführt (lexikale und verbale Fähigkeiten*). Am Ende der Studie, nach 30 Jahren, wurden die Teilnehmer einer umfangreicheren Testbatterie unterzogen sowie einem Hirnscan (MRI = Magnetische-Resonanz-Bildgebung) zur Darstellung und Vermessung ihrer Hirnstrukturen. 

Die Trinkgewohnheiten wurden in vier Kategorien unterteilt:

·     Abstinenz: weniger als 1 Drink à 8 g Alkohol pro Woche

·     leichter Konsum: 1 bis unter 7 Drinks wöchentlich

·     moderater Konsum:
       7 bis unter 14 Drinks für Frauen
       und 7 bis unter 21 Drinks für Männer

·     problematisches Trinkverhalten:
      ab 14 Drinks pro Woche bei Frauen (112 g Alkohol) und ab 21  
      Drinks bei Männern (168 g Alkohol) 

Kein Nutzen, möglicher Schaden schon bei moderatem Konsum?

Mit steigendem Konsum alkoholischer Getränke fand sich, im Vergleich zur Abstinenz, ein zunehmendes Risiko für veränderte Strukturen in einer bestimmten Region der weißen Hirnsubstanz sowie ein geringeres Volumen in einem Teil des Hippocampus. Diese Hirnregion ist unter anderem für das Erinnerungsvermögen zuständig, sie ist bei Alzheimer oft als erste geschädigt. Das höchste relative Risiko für einen stärker geschrumpften Hippocampus (knapp sechsfach erhöht) fand sich bei einem Konsum von mehr als 30 Standarddrinks wöchentlich.  

Die Autoren wollen allerdings auch bei moderatem Konsum ein gut dreifach erhöhtes relatives Risiko für Veränderungen im Gehirn gefunden haben – obwohl wegen des fehlenden Hirnscans ein Vergleich zum Studienbeginn nicht möglich ist. Zu einem leichten Konsum fand sich in dieser Arbeit kein Zusammenhang, also auch kein günstiger Effekt. Die lexikalen Fähigkeiten nahmen mit steigendem Konsum alkoholischer Getränke schneller ab. Zu anderen kognitiven Fähigkeiten fand sich kein Zusammenhang, auch nicht im Rahmen der ausführlichen Testung am Ende der Studie.  

Hohe mediale Aufmerksamkeit, viel fachliche Kritik

In den Medien wurde diese Studie teilweise so dargestellt, als sei damit bewiesen, dass auch ein maßvoller Konsum alkoholischer Getränke das Hirn schädige oder die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtige. Internationale Experten sehen das jedoch anders und warnen davor, die Ergebnisse unkritisch zu übernehmen.  

Zu den Hauptkritikpunkten gehört, dass die Studie mit 550 Teilnehmern recht klein und nicht repräsentativ war, da es sich hauptsächlich um weiße, männliche Beamte aus den 1980er Jahren handelte. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist, dass in dieser Arbeit weder nach Art der Getränke unterschieden noch die Trinkmuster erhoben wurden. Dies könnte entscheidend sein, denn Briten sind für ihre ungesunden Trinkmuster bekannt: Sie leben die Woche über eher abstinent und trinken am Wochenende viel auf einmal. Problematisch ist zudem, dass die Kontrollgruppe mit 37 Personen viel zu klein war, um valide Aussagen treffen zu können.  

Ein einzelner Hirnscan ist ohne Aussagekraft

Die Kritiker heben auch hervor, dass die Hirnscans nur einmal am Ende der Studie vorgenommen wurden. Daher sei es gar nicht möglich festzustellen, ob und wie sich das Volumen des Hippocampus der Probanden verändert hat, zumal es große individuelle Unterschiede gibt. 

Nach Einschätzung von Epidemiologie-Experten wie Prof. Eric Rimm von der Harvard Universität in Boston ist die Aussagekraft dieser Studie eher fraglich. Sie erlaubt keine Aussagen darüber, wie sich ein moderater Weingenuss im Kontext eines gesunden Lebensstils auf die Hirngesundheit auswirkt. Und sie liefert auch keinen Grund für restriktivere Empfehlungen.


* Bei diesen Tests ging es unter anderem darum, innerhalb einer Minute möglichst viele Wörter mit einem bestimmten Anfangsbuchstaben zu nennen oder Begriffe aus einer bestimmten Kategorie.

Verwandte Themen

Allgemeine Gesundheitsaspekte

Weiterlesen

Gehirnfunktion / Demenz

Weiterlesen