Neues aus der Wissenschaft

Vielfältige Darmflora durch Weingenuss

Ein faszinierendes Ökosystem befindet sich in unserem Verdauungstrakt, insbesondere im Dickdarm: Abermilliarden (1011 Zellen pro Gramm) von Bakterien und anderen Mikroben, die zusammenfassend als Mikrobiota bezeichnet werden. Viele nützliche Mitbewohner, denn sie helfen bei der Verdauung, können B-Vitamine und Vitamin K herstellen, unterstützen die Funktion der Zellen der Darminnenwand und der Darmnerven sowie das Immunsystem. Daher wundert es nicht, dass die Darmflora eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Verhütung von Krankheiten und für eine gesunde Darmfunktion spielt. 

Erst Genanalysen ermöglichen bessere Kenntnis

Schon lange wusste man, dass der Aufbau der Darmflora mit der Geburt beginnt, dass sie so individuell wie ein Fingerabdruck ist und dass sie nach ihrer Ausbildung erstaunlich stabil bleibt. Dennoch lässt sich die Darmflora durch die Nahrung beeinflussen. Umgekehrt hat sie Einfluss darauf, ob pflanzliche Inhaltsstoffe wie Ballaststoffe oder Polyphenole vom Körper aufgenommen und genutzt werden können. Polyphenole kommen reichlich in Wein, vor allem in Rotwein vor, und sie tragen zum Schutz vor Herz- und Gefäßerkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes und möglicherweise auch vor Krebs bei. In der Form, wie sie in der Nahrung und im Wein vorliegen, können sie jedoch schlecht vom Körper aufgenommen werden. Hier kommt die Darmflora ins Spiel, die Polyphenole so verändert, dass sie besser verwertet werden können.  

Aufgrund der Empfindlichkeit vieler Darmmikroben war es lange Zeit kaum möglich, sie im Labor zu untersuchen und die Zusammensetzung und die Funktionen der verschiedenen Stämme genauer zu erforschen. Erst durch die Entwicklung von Genanalysen kam mehr Licht ins Dunkel der Welt der Darmbewohner. 

Polyphenolreicher Wein sorgt für Vielfalt

Spanische Wissenschaftler untersuchten nun mithilfe von Genanalysen die Zusammensetzung der Darmflora von 20 gesunden Freiwilligen. Von diesen sollten fünf einen Monat lang keinen Wein trinken, die 15 anderen durften täglich 250 ml Rotwein genießen. Zu Beginn und am Ende der Versuchszeit wurden Stuhlproben genommen und untersucht, welche Mikroben vorhanden sind und ob sich die Anteile verschiedener Stämme verändern. 

Am häufigsten fanden sich bei allen Probanden Mikroben vom Stamm der Firmicuten, gefolgt Actinobakterien, Bacteroideten und Proteobakterien. Insgesamt konnten 438 Gattungen mit 2324 verschiedenen Stämmen identifiziert werden, was die große Vielfalt der individuellen Mikrobiota zeigt. Auch bestätigten die Analysen große Unterschiede zwischen den Probanden und die hohe Stabilität ihrer Darmfloren. Dennoch fand sich in der Gruppe der Weintrinker nach vier Wochen eine vielfältigere Darmflora. Es vermehrten sich vor allem solche Mikroben, die Polyphenole verstoffwechseln können und sie so dem menschlichen Organismus besser zugänglich machen. 

Darmflora passt sich an

Vor Versuchsbeginn waren die Weintrinker daraufhin untersucht worden, ob sie Polyphenole schlecht, mittelmäßig oder gut verwerten konnten. Diese Einteilung war nach vierwöchigem Weingenuss nicht mehr festzustellen. Es deutet darauf hin, dass der regelmäßige Genuss von Wein zu einer Anpassung der Darmflora an die Verarbeitung von Weininhaltsstoffen führt. Zudem ist ein moderater Weingenuss offenbar in der Lage, Unterschiede zwischen verschiedenen Mikrobiota auszugleichen. In welchem Ausmaß dies dem menschlichen Stoffwechsel langfristig zugutekommt, müssen nun größere Studien zeigen.

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