Fachliche Stellungnahme

Krebs

Alkoholische Getränke/Wein und Krebsrisiko ist ein ambivalentes Thema. Nach Stand der aktuellen Forschung (2017) ergibt sich folgendes Bild:

  1. Das Abbauprodukt des Alkohol/Ethanol - Acetaldehyd - ist kanzerogen und mutagen.
  2. Für die Inzidenz von alkoholassoziierten Krebsarten findet sich eine direkte, zum Teil lineare oder kurvi-lineare Assoziation mit der Höhe des Alkoholkonsums. Das sind die Krebsarten des oberen Verdauungstraktes (Mund, Gaumen, Kehlkopf, Speiseröhre), Leber-, Bauchspeicheldrüsen-, Brust- und Dickdarmkrebs. 
  3. Nur unzureichend überprüft ist der Zusammenhang zwischen alkoholassoziierten Krebsformen und dem Konsum von Wein und anderen alkoholischen Getränken. Noch weniger Betrachtung schenken die meisten epidemiologischen Studien so genannten Confounding-Faktoren, wie unterschiedlichen Trinkmustern, sozialen Schichten und Ernährungsgewohnheiten. Verschiedene Langzeitbeobachtungsstudien haben Unterschiede zwischen den Getränkearten erkennen lassen, wobei bei niedrigem bis moderatem Weinkonsum ein geringerer oder zum Teil kein Zusammenhang mit alkoholassoziierten Krebsarten gefunden wurde.
  4. Für Lymphdrüsen- (Non-Hodgkin-Lymphom), Nieren- und Schilddrüsenkrebs findet sich eine inverse Assoziation bzw. ein erniedrigtes Risiko mit dem Konsum alkoholischer Getränke. Mögliche Mechanismen dafür sind bislang unzureichend geklärt.
  5. Für alle anderen Krebsarten findet sich bei der Mehrzahl epidemiologischer Studien keine Assoziation mit niedrigem bis moderatem Alkoholkonsum.
  6. In Bezug auf die Gesamt-Krebs-Sterblichkeit findet sich eine J-förmige Beziehung mit einem reduzierten Risiko im Vergleich zu Abstinenz bei niedriger Dosis (je nach Originalarbeit 10 bis zu 15 g Alkohol/Tag) und einem linearen Anstieg (je nach Originalarbeit ab 25 g/Tag bzw. 50 g/Tag). Einige Studien finden diesen Bezug nur bei Männern. Die Effekte unterschiedlicher Getränkearten oder Trinkmuster sind nicht hinreichend erforscht 1, 2, 3
  7. Die beschriebenen Korrelationen geben eine statistische Wahrscheinlichkeit wieder. Daraus lässt sich weder ein kausaler Zusammenhang belegen noch ein direkter Rückschluss auf das jeweilige individuelle Risiko ziehen. 

Detailbewertungen

Die Krebsarten des oberen Verdauungstraktes, aber auch Bauchspeicheldrüsenkrebs sind relativ seltene Erkrankungen. Anstiege im relativen Risiko geben keine Auskunft über das absolute bzw. attributable Risiko in Bezug auf die Gesundheitssituation in Deutschland. Ein erhöhtes Risiko besteht vor allem in der Kombination mit dem Rauchen, wofür biologisch plausible Mechanismen vorliegen. Für Nichtraucher ist das Risiko niedriger bzw. zum Teil nicht hinreichend belegt. Die Interaktion von Rauchen und Alkohol ist besonders deutlich bei Speiseröhrenkrebs.

Das Risiko für alkoholassoziierte Krebsarten steigt in Langzeitbeobachtungsstudien bei Frauen schon ab wenigen Gramm pro Tag, hingegen bei Männern erst ab etwa 15 Gramm pro Tag. Allerdings ist in der Mehrzahl dieser Kohortenstudien der Einfluss des Confounding durch Ernährungsfaktoren, vor allem durch niedrige Folsäurezufuhr, und andere wesentliche Lebensstilfaktoren nicht hinreichend berücksichtigt worden.

Brustkrebs ist die häufigste Krebsform bei Frauen. Gleichzeitig ist Brustkrebs von allen alkoholassoziierten Krebsarten die mit der höchsten Bedeutung. Es findet sich eine Dosis-Wirkung-Beziehung. Die Erhöhungen der Relativen Risiken bei leichtem bis mäßigem Alkoholkonsum sind zwar nur gering (RR 1,1-1,5), aber diese Relativen Risiken beziehen sich auf eine häufig auftretende schwere Erkrankung. So müssen relativ hohe attributable Risiken erwartet werden. Co-Faktoren spielen eine wichtige Rolle: Ein erhöhtes Risiko zeigt sich vor allem bei Frauen mit bestimmter genetischer Disposition, mit unzureichender Versorgung von Folsäure, bei Östrogen-Überschuss, unter Hormon-Ersatz-Therapie, bei Übergewicht und bei Raucherinnen.

Dass (moderater) Weinkonsum für alkoholassoziierte Krebserkrankungen ein niedrigeres Risiko mit sich bringt, ist zwar nicht eindeutig belegt, wird aber in einigen Studien diskutiert. Eine aktuelle Auswertung zweier großer Langzeitbeoachtungsstudien aus den USA (Nurses’ Health Study und Health Professionals Study) fanden für moderaten bzw. sogar für höheren Weinkonsum keinen signifikanten Zusammenhang mit alkoholassoziierten Krebserkrankungen3. Als möglicher protektiver Wirkmechanismus wird die antikanzerogene Wirkung weinspezifischer phenolischer Substanzen diskutiert. Bislang sind solche präventiven Effekte aber nur tierexperimentell belegt worden. Weiterhin wird diskutiert, ob ein geringeres Krebsrisiko bei Weintrinkern im Vergleich zu Konsumenten anderer alkoholischer Getränke über unterschiedliche Trinkmuster und gesündere Ernährungs- und Lebensweisen erklärbar ist.

Das Krebsrisiko darf nicht isoliert betrachtet werden. Erhöhte Risiken im Krebsbereich stehen geminderten Risiken bei Herz-Kreislauferkrankungen gegenüber, welche immer noch den Großteil der Todesursachen darstellen. Entscheidend ist demnach der Einfluss des Alkoholkonsums auf die Gesamtsterblichkeit. Die umfassendste Metaanalyse zu dieser Fragestellung hatte 84 Langzeitbeobachtungsstudien aus allen Teilen der Welt einbezogen4. Demnach ist im Vergleich zu Abstinenz das Risiko für die Herz-Kreislauf- Sterblichkeit bei Alkoholkonsum im Mittel um 25 % gesenkt. Die Dosis, die das geringste Risiko anzeigt, liegt im Bereich von 15-30 g Alkohol pro Tag, wobei der niedrigere Bereich Frauen zuzuordnen ist. Bei einem Konsum von bis zu 15 g Alkohol pro Tag ergibt sich darüber hinaus auch eine signifikante Senkung der Gesamtsterblichkeit um 13 Prozent. 

Fazit

Bei niedrigem bis moderatem Alkoholkonsum sollten neben den erhöhten Risiken für alkoholassoziierte Krebserkrankungen auch die protektiven Effekte im Herz-Kreislauf-Bereich Erwähnung finden. Niedriger bis moderater Weinkonsum ist möglicherweise nicht mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert. Entscheidend bei der Beurteilung des Alkohol- bzw. Weinkonsums ist die Betrachtung der Gesamtsterblichkeit. In der Summe hat moderater Alkohol- und insbesondere Weinkonsum bei Erwachsenen über 40 Jahren mehr Vor- als Nachteile auf die Gesundheit.

In Anlehnung an die Empfehlungen des World Cancer Research Fund und anderer internationaler wissenschaftlicher Institutionen sind Alkoholmengen von bis zu 15 bzw. 20 g für die Frau und bis zu 30 g für den Mann pro Tag mit keinem nennenswerten Krebsrisiko verbunden.

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