kolumne nachgeforscht

Von Wissenschaft zu Politik und Medien

Das Thema köchelt stetig und kocht zuweilen über. Von Wissenschaft zu Politik und Medien. So hieß denn auch unsere Veranstaltung auf dem Internistenkongress Anfang Mai. In postfaktischen Zeiten stellten wir uns die Frage, ob es noch ausgewogene, evidenzbasierte Urteile zum Thema Wein und Gesundheit gibt,  und wenn ja, ob und wie sie in Politik und Presse kommuniziert werden - insbesondere, wenn es um heikle Themen wie Krebs geht.

Ohne Zweifel ist das Krebsrisiko erhöht, wenn man zu viel trinkt und stark erhöht, wenn man noch mehr trinkt. Kombiniert man täglich vier Flaschen Wein mit zwei Packungen Zigaretten, potenziert sich das Risiko. Doch scheint dieses nicht nur von der Menge sondern auch von der Art des alkoholischen Getränkes abhängig zu sein, so der Experte für Studienbewertung am Uniklinikum Freiburg. Bis dato hätte man für moderaten Weinkonsum und Krebserkrankungen keine überzeugende Evidenz für einen schädlichen Zusammenhang gefunden; das stünde sogar im Welt-Krebsforschungsbericht. Nur wird es nicht kommuniziert. Wenn der Wein in Kombination mit mediterraner Ernährung genossen wird, findet man sogar eine Erniedrigung der Krebsrate. Auch das werde nicht kommuniziert.

Diese Ignoranz und undifferenzierte Darstellung durch Medien und Politik, so der zweite Referent, sei einfach nicht hinzunehmen. Der Professor verwies auf die existierenden Vorgaben zur Beurteilung wissenschaftlicher Evidenz. Dass dies insbesondere beim Thema Wein nicht immer geschieht, machte er am Beispiel einer 2018 im Lancet erschienenen Studie deutlich: Hierbei handelte es sich um eine epidemiologische Studie mit geringem Evidenz- und Empfehlungsgrad. Letzteres sei angesichts weltweit völlig unterschiedlicher Trinkmengen, Trinkmuster und genetischer Unterschiede in der enzymatischen Ethanol- und Azetaldehyd-Metabolisierung ohnehin absurd. Zudem müsse zwischen destillierten und vergorenen Getränken unterschieden werden. Zum Schluss betont er noch die methodische Schwäche, wie etwa den kompletten Ausschluss von Abstinenten. Denn das als J-Kurve bekannte Phänomen, die dosisabhängige Effektumkehr, beschreibt gesundheitliche Vorteile bei maßvollem und steigende Risiken bei hohem Konsum. Aber eben auch bei Abstinenz. Schon deshalb sei deren Ausschluss manipulativ; man habe die J-Kurve einfach links „abgeschnitten“.

Die Studie war zu der „postfaktischen“ Einschätzung gelangt, es gäbe keinen risikoarmen Alkoholkonsum, geschweige denn Empfehlungen zum moderaten Konsum. Basis für viele Medien. Als „postfaktisch“ definierte der Professor „Umstände, unter denen die öffentliche Meinung weniger durch Fakten als durch Emotionen und persönliche Überzeugungen“ beeinflusst werde. Anders könne er sich die unreflektierten Beiträge nicht erklären.

Soll heißen, Journalisten seien gut beraten, zunächst einmal die Originalstudie anzuschauen, dann zu bewerten und weiterzugeben. Das gleiche gilt für die Politik, die daraus Empfehlungen ableitet. Um nicht durch unsachliche Interpretationen bzw. das dadurch ausgelöste Medienecho verunsichert zu werden, appellierte er an seine ärztlichen Kollegen, den in der Medizin gewohnten evidenzbasierten Entscheidungsfindung zu folgen und die Patienten entsprechend zu beraten. Dabei sei es selbstverständlich, bei Kindern, Schwangeren und am Arbeitsplatz bzw. am Steuer sowie bei Abhängigkeitspotenzial zur Alkoholabstinenz aufzufordern. Dem moderaten Weinkonsum gebühre im Rahmen eines gesunden Lebensstils aber ebenso ein Platz. So empfahl er eher Abstinenz gegenüber dem alarmistisch-prohibitionistischen Boulevardjournalismus. Beim Köcheln müssen wir wachsam bleiben, um ein Überkochen zu verhindern.

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