Kolumne Nachgeforscht

Diabetes mit und ohne Interpretationsspielraum

In der Sahelzone gab es keine Diabetiker. Das änderte sich mit dem Siegeszug von Coca-Cola auch in die entlegensten Orte der Welt. „Alterszucker“ ist eine Wohlstandskrankheit. Immer mehr Menschen erkranken an Typ 2 Diabetes. Die chronisch erhöhte Blutzuckerkonzentration hat dramatische gesundheitliche Konsequenzen. So ist das Risiko, einen Herz- oder Hirninfarkt zu erleiden, bei Diabetikern etwa viermal höher als bei Menschen mit normalem Zuckerstoffwechsel. 

Da kommt eine aktualisierte Einschätzung über Ernährung und Diabetes vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung gerade recht. Hauptrisikofaktor für die Zuckerkrankheit ist der Taillenumfang – kurz Übergewicht. Bereits eine Gewichtsabnahme reduziert das Diabetesrisiko merklich; idealerweise ergänzt durch den Verzicht von Schokoriegeln, Limo und Co. Diese Publikation ging dem Stellenwert vieler Nährstoffe und Lebensmittel detailliert nach. So wird das Diabetesrisiko gesenkt durch Vollkornprodukte, Obst und Gemüse, Olivenöl und Kaffee, gesteigert durch rotes Fleisch, Eier und zuckerhaltige Getränke. Aber auch Ernährungsformen wurden genaustens unter die Lupe genommen. Stärkste Evidenz für eine Risikoreduktion sei die mediterrane Kost. So weit so gut.

Einige Originalstudien werden wissenschaftlich korrekt als Beleg herangezogen. Nun hat es sich die Deutsche Weinakademie zur Aufgabe gemacht, auch Originaldaten zu sichten und den Publikationsweg nachzuvollziehen. Und siehe da. Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen - alles findet Erwähnung, nur der moderate Weingenuss - obligatorisch für die mediterrane Kost - wird unterschlagen. Aus „wörtlich“: moderater Alkoholkonsum (bevorzugt Wein während der Mahlzeit; ein Glas für die Frau, zwei Gläser für den Mann) wird… nichts. Einfach vergessen. Politisch, aber nicht wissenschaftlich, korrekt. Leider greift diese politisch mustergültige Publikationswut um sich. Kaum ein Wissenschaftler traut sich mehr, dem Wein positive Wirkungen zuzuschreiben - auch wenn eine erdrückende Vielzahl an Arbeiten (NICHT von der Industrie gesponsert) eben dies belegen. Vor Angst, man stehe der Weinwirtschaft zu nahe oder gar man trinke selbst gerne einen über den Durst.

Dies ist langsam so unerträglich, dass ich es in diesem Nachgeforscht thematisieren muss. Jeder, der in der Wissenschaft zu Hause ist, weiß mittlerweile, dass der totale Verzicht auf alkoholische Getränke gerade bei Diabetes nicht mehr haltbar ist. So zeigt eine Vielzahl neuer Studien nicht nur, dass der moderate Alkoholkonsum das Risiko senkt, einen Typ 2 Diabetes zu entwickeln. Sie verdeutlicht auch, dass bei bereits bestehendem Diabetes das Risiko für Spät- und Folgeschäden geringer ist und sich die Langzeitprognose verbessert. Dies wurde wissenschaftlich exakt und bis auf Molekülebene sogar auf dem Internistenkongress vorgestellt.

Da kann man die Kontrollgruppen bezweifeln, das Studiendesign bemängeln, den Wissenschaftlern Industrienähe vorwerfen. Die Daten sprechen für sich. Was nicht heißt, dass viel viel hilft, weshalb die DWA immer - für manche in der Weinwirtschaft eine Kröte - auf die moderate Dosis verweist, die zwischen 12 und 20 Gramm für die Frau und 24 bis 30 Gramm für den Mann liegt. Und das entspricht eben nur einem bis zwei Gläsern Wein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Über das Stadium, dass ich mich über solche Studien ärgere, bin ich schon lange hinaus, aber bis zu meinem letzten Tag in der DWA (und darüber hinaus) werde ich für offene, korrekte und ausgewogene Kommunikation streiten. Versprochen!

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