Kolumne Nachgeforscht

Wissenschaft braucht Daten

Nach dem Sturm der neuen Datenschutzgrundverordnung stolperte ich über eine interessante Datensammlung aus den USA. Eine Mega-Bio-Datenbank mit den Blut­analysen und vielen freiwillig gelieferten persönlichen Daten von mehreren 100.000 Kriegsveteranen, die seit 2011 von Seattle bis Miami gesammelt werden. Das Ziel des Forschungsprogramms ist es, besser zu verstehen, welche Einflüsse Gene, Lebensstil- und Umweltfaktoren auf Krankheiten haben. Das ermöglicht es, nicht nur für zukünftige Generationen von Veteranen Gesundheitsaussagen zu treffen, sondern natürlich auch für die Allgemeinbevölkerung.

Aus diesem weltgrößten Datenpool bediente sich ein amerikanisches Wissenschaft­ler­team. Fast 160.000 registrierte Veteranen hatten sich bereit erklärt, über drei Jahre neben ihren Blutanalysen und persönlichen Daten auch anzugeben, wie viel Wein, Bier und Spirituosen sie trinken. Untersucht werden sollte deren Einfluss auf Herzkrankheiten, wie Herzinfarkt und Co, die anhand elektronischer Gesundheitsbe­richte diagnostiziert wurden.

Um den Alkoholeffekt zu bestimmen, wurden zunächst andere Einflussfaktoren auf den Zustand der Herzkranzgefäße, wie Rauchen oder Körpergewicht, herausgerech­net. Hinsichtlich des Alkoholkonsums wurden die lebenslangen Abstinenten und Ex-Konsumenten getrennt ausgewertet, weil Letztere womöglich krankheitsbedingt nichts tranken und so die Ergebnisse verfälschen. Die „echten“ Abstinenzler verglich man mit denjenigen, die fast homöopathisch (bis 6 g Alkohol pro Tag; etwa 60 ml Wein) konsumierten, dann mit denjenigen, die wenig bis moderat (bis 12 g bzw. bis 24 g) tranken; die letzte Vergleichsstufe der moderaten Trinker schloss einen Alko­holkonsum bis zu täglichen 36 bzw. 48 g ein. Wer tiefer ins Glas schaute (mehr als etwa 500 ml Wein), galt nicht mehr als moderater Konsument. Nach der knapp drei­jährigen Untersuchungszeit zeigte sich, dass ein leichter und moderater Konsum im Vergleich mit lebenslanger Abstinenz ein vermindertes Risiko für Erkrankungen der Herzkranzgefäße nach sich zog: Es fiel dosisabhängig um 29 Prozent (bei bis zu 36 g pro Tag) und um 42 Prozent bei bis zu täglichen 48 g Alkohol. Wer mehr trank, hatte keinerlei Vorteile. Die Daten der amerikanischen Veteranen bestätigten zum wiederholten Male die so genannte J-Kurve, die besagt, dass die maßvollen Genießer weniger Herzkrankheiten entwickeln als Abstinenzler und Viel-Trinker.

Ein wenig enttäuschend für uns Weintrinker war, dass zwischen den Bier-, Wein- und Spirituosenliebhabern kein signifikanter Unterschied gefunden wurde. Die Wissen­schaftler betonten allerdings den Einfluss des Trinkmusters: Nicht bei einmaligem Konsum in der Woche fiel das Herzkrankheitsrisiko am geringsten aus, sondern dann, wenn alle Trinkmengen - zwischen homöopathisch bis maximal täglichen 48 g (ca. 500 ml Wein) - auf vier bis sechs Tage verteilt wurden.

Alles in allem, ein weiterer Beleg dafür, dass es auf die Dosis und die richtige Vertei­lung ankommt, ob Wein, Bier und Spirituosen schaden oder nützen. Ob die US-Forscher mit dem Sammeln von so vielen persönlichen Daten auch die in Europa geltende Datenschutzgrundverordnung erfüllt hatten, ist fraglich. Aus rein wissen­schaftlicher Sicht müssten wir allerdings für die bekannt lockere amerikanische Datenschutzsicht dankbar sein.