Kolumne "Nachgeforscht"

Ein Glas Wein schon gefährlich?

Alkoholische Getränke und Krebs. Ob sich Ärzte auf dieses heikle Thema einlassen? Über 120 Internisten nahmen die Gelegenheit dazu an dem DWA-Symposium im Rahmen ihres Fachkongresses wahr. Der Andrang war wohl auch so groß wegen der aktuellen Presseartikel, die mit Überschriften, wie… Ein Glas Wein macht Krebs und verkürzt das Leben uns und anderen moderaten Genießern manche schlaflose Nacht bescherten. Probleme werden bekanntlich größer, wenn man sie ignoriert, und schrumpfen, wenn man sich ihnen stellt. Mit unserem Symposium packten wir den Stier bei den Hörnern, voller Überzeugung, dass nur mit einer evidenzbasierten Information der Verunsicherung zu begegnen ist.

Die renommierten Referenten ließen keinen Zweifel daran, dass derjenige, der ständig zu viel trinkt - egal ob Bier, Wein, Spirituosen - natürlich ein höheres Risiko für viele Krankheiten, und eben auch für Krebs hat. Zudem wird ihm sein riskantes Trinkverhalten aller Wahrscheinlichkeit nach viele Lebensjahre stehlen. Allerdings könne nach der internationalen Datenlage, so der Professor aus München, das Risiko nicht nur an den Gramm Ethanol ausgemacht werden. Klar erkennbar sei, dass die Ergebnisse wohl auch von der Art des alkoholischen Getränks abhängen. Und hier habe der Wein die besten Karten. Unterstützung fand er von dem Professor der Universitätsklinik in Barcelona, der seine eigenen Ergebnisse zur mediterranen Ess- und Trinkkultur und Krebsrisiko präsentierte. Die von ihm geleitete Interventionsstudie mit 7.447 Probanden zeigte nach einer Laufzeit von fünf Jahren ein um 62 % verringertes Krebsrisiko bei Teilnehmern, die eine traditionelle mediterrane Kost mit viel phenolreichen Komponenten – Olivenöl, Obst, Gemüse und eben Wein - einhielten. Dies gründe neben den Polyphenolen mit teils antikanzerogen Wirkungen auch in den Trinkgewohnheiten der Weintrinker. Es zeigte sich, dass es einen großen Unterschied macht, ob Wein ohne oder mit einer Mahlzeit konsumiert werde. Letzteres sei typisch für Weinkonsum a la mediterranee und neben der Vermeidung von Binge-Drinking (Zuviel auf einmal) der wichtigste positive Einfluss auf ein alkoholassoziiertes Krebsrisiko. Interessant waren für die Internisten auch seine Ausführungen dazu, warum er bei seinen Studien vorab immer verzerrende Einflussfaktoren (Confounder) berücksichtigt, die Ergebnisse auf den Kopf stellen könnten. Dazu gehörten neben den Trink-, Essens- und Rauchgewohnheiten auch das sogenannte Underreporting. Wer gibt bei einer Befragung schon zu, wenn er zu viel trinkt? Gerne werde sogar auch der moderate Konsum nach unten korrigiert. Dies liege vorallem an dem politisch korrekten und gesellschaftlich erwarteten Druck auf die befragten Studienteilnehmer. Möglicherweise liege hier die Erklärung für die erhöhten Krebsrisiken, die gelegentlich bei moderatem Konsum gefunden werden. Dieses, auch von seinen Forscherkollegen bestätigte, weit verbreitete Underreporting müsse bei künftigen Studien obligatorisch Berücksichtigung finden.

Die konstruktive Diskussion zeigte, dass die Ärzteschaft die differenzierte und offene Darlegung der Datenlage unseres deutsch-spanischen Referententeams schätzte. Manch einer hat sich bei dem Nachhauseweg vielleicht vorgenommen, künftig auch in Fachmedien nicht nur die Überschriften zu lesen, sondern auch die zugehörigen Berichte kritisch zu hinterfragen.

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