Kolumne Nachgeforscht

Alkoholarme Weine - Ist weniger mehr?

Hand aufs Herz: Halten Sie sich für einen echten Weinkenner? Schätzen Sie die leichteren Weißweine der nördlicheren Anbaugebiete als weniger schmackhaft ein als die mit 14,5 Volumenprozent aus dem sonnigen Süden? Glauben Sie, 10‑Volumenprozenter sind eher was für Frauen und Weicheier oder man brauche die hohen Alkoholgehalte, um auf dem Weltmarkt konkurrieren zu können?

Vorbehalte zu Weinen mit weniger Alkohol gibt es auf beiden Seiten. Sowohl Erzeuger wie Verbraucher äußern die Vermutung, diese Weine schnitten sensorisch nicht so gut ab. Das ist jedoch nicht (mehr) gerechtfertigt, denn die geschmackliche Qualität hat sich aufgrund neuer technologischer Möglichkeiten in den letzten Jahren erheblich verbessert. Und das trotz Klimawandel. Membranbasierte Techniken erlauben heute die schonende Herstellung von Weinen mit weniger Alkohol und sie ermöglichen eine bessere Rückgewinnung oder Bewahrung der Aromen. Dies führt dazu, dass die Erzeugnisse geschmacklich keineswegs schlechter abschneiden müssen. Die DWA kam auf der Intervitis mit ihrem Test zum selben Ergebnis. Wir ließen drei Weine verkosten, die sich allein in ihrem Alkoholgehalt von 7 Vol%, 9 und 11 unterschieden. Knapp 200 Besucher machten mit; davon allein 60 % Erzeuger. Durchschnittsalter der Damen 37,5, der Herren 43,2 Jahre - also diejenigen, die nicht mehr ganz neu im Geschäft sind und aktuell die Geschicke der Firmen bestimmen. Über 60 % bevorzugten - nach der Frage, welcher am besten schmeckt - die alkoholärmeren Weine von 7 und 9 Prozent. Und das, obwohl 66 % die alkoholreichste Variante richtig erkannten. Die Frage, ob deutsche Weine alkoholarm und dennoch geschmackvoll sein können, bejahte die überwiegende Mehrheit von nahezu 70 %. Nur zwölf Prozent meinten, das ginge nicht. Die vielen Gespräche mit den Erzeugern an unserem Intervitis-Stand bestätigten das gestiegene Interesse der Verbraucher an gesünderen Lebensmitteln und an Getränken mit verringertem Alkoholgehalt. Mehr als die Hälfte (57 %) haben das Gesundheitsbewusstsein der Weintrinker auch auf unserem Fragebogen als Grund angeführt. Die Frage, ob sie planen, alkoholarme Weine in ihr Sortiment aufzunehmen, beantworteten 26 % mit klarem Ja, 29 % mit klarem Nein. Der Rest war sich unsicher. Obwohl unsere Befragung sicher nicht repräsentativ war, war es ein erster Test, der entgegen unserer Vermutung erstaunlich gut angenommen wurde. Die Weinwelt interessiert sich zunehmend dafür. Dabei geht es nicht um entalkoholisierten oder alkoholfreien Wein, der bis zu 0,5 Vol% enthalten kann. Dies merkt man in der Tat, Alkohol ist nun mal auch Geschmacksträger, bei Sekt wegen der Kohlensäure weniger als beim Wein. Es geht um alkoholärmere Varianten, also 6, 7, 8 Volumenprozent. Das Problem: Diese sind keine WEINE, die nach der Definition erst bei 8,5 Volumenprozent beginnen. 

Vor einigen Jahren hätte ich mich noch nicht an dieses Thema getraut, aber die Welt ändert sich, die Alkoholpolitik sitzt uns im Nacken, die Verbraucher sind gesundheitsbewusster geworden - und wir müssen uns mitändern. Vieles spricht dafür, auch Weine mit weniger Alkohol als eine Strategie für verantwortungsbewussten Konsum zu nutzen. Davon könnten alle profitieren: Die Gesellschaft, die Verbraucher - gleicher Genuss bei sinkender Ethanolaufnahme pro Trinkanlass - und die Produzenten - bleibender oder gar erhöhter Konsum. Eine Win-Win-Win-Situation.