Kolumne "Nachgeforscht"

Wein und Gesundheit - zu komplex für den Stammtisch

Prof. Iris Shai

Sie habe vor ihrer Forschungszeit in Harvard keinen Tropfen Alkohol getrunken. Die Professorin von der Ben-Gurion Universität in Israel war der Star des DWA-Symposiums auf dem Internistenkongress. Und das nicht wegen ihres ersten Satzes sondern wegen ihrer weltweit beachteten Interventionsstudie mit Wein. Darin verpflichteten sich 224 Diabetiker, zwei Jahre lang im Rahmen einer mediterranen Ernährung täglich 150 ml Wein oder Mineralwasser zum Abendessen zu trinken. Dieser Vor-Nach-Vergleich führt im Gegensatz zu Beobachtungsstudien nah an die wissenschaftliche Wahrheit, ist für alkoholische Getränke allerdings heikel. Bestimmt doch der Zufall, wer Wein oder Wasser trinkt. In der israelischen Studie besonders heikel, weil die Patienten zuvor abstinent gelebt hatten. Darf man das?

Aus gutem Grund kommuniziert die DWA die komplexen gesundheitlichen Wirkungen des Weins primär in die Welt der Mediziner. Ärzte sollten diese sachlich bewerten und an ihre Patienten mit der geforderten Verantwortung weitergeben können.

Weinwissen für Ärzte

Dass dafür Bedarf besteht, zeigten die über 100 Internisten, die auf dem Kongress mehr über den Lebensstilfaktor Wein bei Diabetikern erfahren wollten.

Zurück zu dem Darf-man-das? Die Professorin betont, dass sich nahezu 90 Prozent - natürlich freiwillig - über zwei Jahre an die Vorgaben hielten, wie in Israel üblich ohne Honorar. Ihre Landsleute sahen sich im Dienste der Wissenschaft, und zwar nicht als Teil einer Wein- sondern einer Ernährungsstudie, die im mediterranen Muster nun auch mal Wein beinhalte. Und da der rote Mount Hermon und der weiße Sauvignon Blanc von den heimischen Golanhöhen kamen, war die Akzeptanz noch höher. Dass die vorgegebene Weinmenge ihren Patienten nicht schade, bestätigten die Erkenntnisse aus jahrelanger Forschung. Den potentiellen Nutzen galt es zu untersuchen.

Genetische Unterschiede im Alkoholabbau

Da Menschen nun mal verschieden sind, berücksichtigte diese High-Level-Studie zusätzlich den genetisch bedingten unterschiedlichen Alkoholabbau, was die Bewertungen noch komplexer machte. Je nachdem, ob der Diabetiker den Alkohol im Wein schnell oder langsam verstoffwechselte, profitierte er mehr oder weniger. Aber daran, DASS der moderate Konsum sich positiv sowohl auf die Herz-Kreislauf-Risikofaktoren als auch auf die diabetische Stoffwechsellage auswirke, ließen die Ergebnisse keinen Zweifel.

Die diffizilen Details der Studie zeigen, dass die Aussage „Wein ist gesund“ zu kurzgesprungen ist. Die Vielschichtigkeit fordert auch die ärztliche Zuhörerschaft. Ihre Diskussionsbeiträge machen aber die Notwendigkeit und Wertschätzung einer sachlichen Information zu diesem ambivalenten Thema deutlich. Die Patienten fragen danach und erwarten fundierte Antworten.

Herausforderungen hat auch die Professorin nie gescheut. Sie kommandierte in ihrer Armeezeit eine Truppe mit 200 Soldaten, hat eine steile Karriere hingelegt, ist nebenbei Frauenbeauftragte ihrer Universität und hat zwischendurch vier Kinder bekommen. Dazu ist sie unkompliziert, lustig und bodenständig. Ob sie erst so ist, seit sie Wein trinkt, habe ich mich nicht gewagt zu fragen. Wir versprechen in Kontakt zu bleiben und stoßen mit einem Glas Trittenheimer Apotheke auf die frische deutsch-israelische Weinconnection an.

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