Kolumne "Nachgeforscht"

Was ist normal? Eine Frage der Definition.

Wohlhabend, weiblich, über 45, fast täglicher Alkoholkonsum, Blutdruck 122 zu 81. Da die letzten vier der fünf Merkmale auf mich zutreffen, frage ich mich, ob ich vielleicht schon ein alkoholkranker Hypertoniker sein könnte. Denn nach den neuen überall publizierten Vorgaben der amerikanischen Herzgesellschaft gelten bereits Blutdruckwerte von 130 mm Hg systolisch und 80 mm Hg diastolisch als Bluthochdruck/Hypertonie. Damit wurde über Nacht fast die Hälfte der Amerikaner zu Hochdruckpatienten - und ich bin mit meinem 81er Diastolenwert auf halben Weg dahin. Ohne Zweifel ist ein hoher Blutdruck ein wichtiger Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall, aber was ist hoch bzw. normal? Eine Frage der Definition.

Auch bezüglich des vierten Gefahrenmerkmals überschwemmt uns fast zeitgleich eine Flut von Medienberichten. Besonders Frauen in der zweiten Lebenshälfte tränken zu viel, bevorzugt Sekt und Wein, und das obwohl man von kleinsten Mengen Krebs bekommen könne. Das sagt der aktuelle Alkoholatlas des Krebsforschungszentrums. Beunruhigt schaue mir die Veröffentlichung genauer an. Allein durch den renommierten Absender erhoffe ich mir evidenzbasierte Abhandlungen zur Krebsthematik. Enttäuschung. Ganze ZWEI Seiten des 140 Seiten starken Werks sind diesem wichtigen Punkt gewidmet. Dessen Hauptbotschaft: Krebs im oberen Halsbereich steigt mit zunehmendem Alkohol- und Zigarettenkonsum. Wer bezweifelt das? Aber man wisse noch nicht genau wie und warum Alkohol bereits in kleinsten Dosis das Krebsrisiko steigere und warum das nicht bei allen Krebsarten der Fall ist, aber es sei so. Schade. Nicht das, was ich erwartet habe; ich lese weiter.

Der Hauptteil des Alkoholatlasses befasst sich mit der Herstellung von Bier, Wein, Spirituosen, dem Einfluss der Werbung, der Suchtthematik und der Konsumgewohnheiten. Ich schaue nochmal genau auf den Absender. Stimmt. Und weiter: Knapp die Hälfte der Oberschicht-Frauen trinke mindestens einmal in der Woche Alkohol; 21 Prozent in riskanten Mengen. Man war sich nicht ganz einig, ob die Risikogrenze nun 10 oder 12 Gramm Alkohol ist (ich will ja nicht kleinlich sein), aber dass bei diesen Mengen wörtlich: langfristig mit schweren gesundheitlichen Schäden zu rechnen ist- da ist es mit meiner Großzügigkeit vorbei. 100 ml Wein werden für Frauen als riskant definiert- und das ohne jegliche wissenschaftliche Evidenz. Nun steigt auch mein bis dahin noch im Grenzbereich befindlicher systolischer Blutdruck.

Gut, dass ich weiterlese. Denn in diesem Alkohol-Rundum-Werk findet sich tatsächlich der Satz: Eine geringer Alkoholkonsum scheint vor Herzinfarkt und Schlaganfall zu schützen, Frauen auch vor Bluthochdruck….. - was sich nirgends in den Medien fand. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass wissenschaftliche Daten je nach politisch oder soziologisch korrektem Blickwinkel unterschiedlich gelesen und kommuniziert werden und ich frage mich warum.

Diese Krankmacherei konterkariert die Realität - nie lebten die Menschen länger - und bringt die ohnehin knappen medizinischen Ressourcen zum Versiegen. Somit bleibt noch weniger Zeit und Geld für jene, die tatsächlich krank sind.

Ich fühle mich ganz munter mit meinen Risikowerten und werde auch weiterhin das tägliche Glas Wein zum Abendessen einer Blutdruckpille zum Frühstück vorziehen. Ob das normal ist oder nicht.

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