Kolumne "Nachgeforscht"

Die J-Kurve existiert - Nebenschauplätze wirken zuweilen nach

Der diesjährige OIV-Kongress im bulgarischen Sofia bietet Weinwissenschaftlern aus aller Welt wieder eine perfekte Bühne. Interessante Beiträge aus Weinanbau, Weinbereitung, Weinrecht und Gesundheit. Letzterer Bereich scheint ein wenig unterrepräsentiert. Zufall? Gibt es keine guten Daten? Oder wagen sich zu wenige Wissenschaftler auf dieses rutschige Parkett? Dies beschäftigt den geschätzten Professor und mich beim abendlichen Revue-Passieren-Lassen jenseits des offiziellen Programms. Ob ich die neusten Diskussionen um die J-Kurve verfolge? Ja, tue ich. Dieser Kurvenverlauf visualisiert, dass moderate Weintrinker im Vergleich zu Abstinenzlern ein geringeres Herzinfarktrisiko aufweisen. Aktuelle und berechtigte Fragen: Wer wird mit wem verglichen? Wer sind die Abstinenten, also die Vergleichsgruppe? Warum trinken sie nichts? Sind/Waren sie krank? Verzerrt ein Vergleich mit diesen Ex-Trinker-Abstinenten die J-Kurve und zeigt einen Benefit, wo keiner ist? Die Antwort sollte die Metaanalyse einer alkoholkritischen internationalen Forscherrunde liefern, die 45 Studien mit drei Millionen Teilnehmern im Hinblick auf die Vergleichsgruppen neu auswertete.

Wenig überraschend war zunächst, dass die ehemaligen Konsumenten und jetzt Nicht-Trinker ein um 25 Prozent signifikant höheres Herzinfarktrisiko aufwiesen als lebenslang Abstinente. Es gab ja einen (meist gesundheitlichen) Grund für ihren Alkoholverzicht. Vergleicht man die Konsumenten nur mit dieser vorgeschädigten Abstinenzlergruppe, senkt der moderate Konsum das Herzrisiko in astronomischem Ausmaß von über 60 Prozent. Ohne Zweifel taugt diese Gruppe nicht zum redlichen Vergleich. Vergleicht man die Genusstrinker aber mit lebenslang Abstinenten, ist das Risiko für eine Herzkrankheit sogar noch bei leicht übermoderatem Konsum von bis zu 45 Gramm Alkohol pro Tag signifikant um 20 Prozent vermindert. Im Bemühen das Gegenteil zu belegen, wertete man auch etliche Untergruppen getrennt aus, da Geschlecht, Herkunft oder Alter derartige Beziehungen beeinflussen und die J-Kurve möglicherweise nicht für alle gilt. Die Daten von Frauen und Männern, verschiedener Ethnien, von Alten und Jungen zeigten aber immer das gleiche Bild: Senkung des Herzinfarktrisikos bei leichtem bis moderatem Konsum – in der Größenordnung eines Viertelliter Wein, je nach Blickwinkel im Ausmaß zwischen 14 und 23 Prozent. Lediglich Jüngere wiesen keinerlei Benefit auf, was aufgrund des naturgemäß geringen Infarktrisikos in jungen Jahren nicht wundert. Die Datenlage war nie besser als derzeit. Die J-Kurve existiert. Für Herzerkrankungen ein klarer Fall. Allerdings nicht für andere Indikationen wie bestimmte Krebsarten oder Hirnblutungen. Auch das gehört selbstverständlich zur Nutzen-Risiko-Analyse.

Mein Gegenüber und ich sind uns in unserer unterschwelligen Renitenz ähnlich und nicht immer, aber heute, einig: Diese komplexe Datenlage und ihre Diskussion gehören ebenso zur Weinwissenschaft wie mikrobielle, chemische, physikalische Einflüsse bei der Weinbereitung. Packen wir‘s gemeinsam an? Sollen wir einen Beitrag für den OIV-Kongress 2018 in Uruguay einreichen? Einzige Vorgabe: Sachlich, wissenschaftlich korrekt und Evidenz basiert. Mit den richtigen Schuhen ist das Parkett weniger rutschig.  

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