Kolumne "Nachgeforscht"

Alternative Fakten wohin man schaut

Postfaktisch ist von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gewählt worden. Es wird mittlerweile munter verwendet, wenn Tatsachen abgestritten oder ihre Inhalte verwässert werden. Dies geschieht nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wissenschaft - vor allem wenn es um alkoholische Getränke und deren gesundheitlichen Bezug geht.

Wir sind im spanischen Rioja auf dem Wine-and-Health-Kongress. Wissenschaftler aus aller Welt tauschen hier ihre Forschungsdaten aus. Der bayerische Professor für Diabetologie stellt den Experten ein besonderes Schmankerl vor. An einer aktuellen Studie zeigt er, wie wissenschaftliche Fakten in postfaktischen Berichterstattungen versteckt werden.

Die Untersuchung zum Einfluss von Wein auf die Stoffwechsellage von Diabetikern ist eine so genannte randomisiert-kontrollierte Interventionsstudie. Sie stellt den Goldstandard mit hoher Beweiskraft dar, den die Wissenschaft schon lange fordert, wenn es um Wein und Gesundheit geht. Dabei stützte man sich nicht auf Befragungen zum zurückliegenden Weinkonsum, sondern teilt im Vorfeld per Zufall die Probanden einer Wein- oder Wassergruppe zu.

Nach diesem Muster tranken mehr als 200 Typ 2-Diabetiker über 24 Monate zum Abendessen entweder 150 ml Wasser oder Wein. Nach den zwei Jahren wiesen die Weingenießer gegenüber den Wassertrinkern verbesserte Diabetes- und günstigere Blutdruckwerte auf. Messbare Fakten. Aber was wurde in den Medien kommuniziert? Wörtlich: Wie unsinnig das tägliche Glas Wein tatsächlich ist.

Wie es dazu kam, erklärt der findige Professor: In der Studie hatte man nebenbei auch die Kalk-Ablagerungen (Plaques) der Halsschlagadern aller Probanden ermittelt. Das Ergebnis - kein signifikanter Effekt auf den Verkalkungsgrad in der Gesamtgruppe der 200 Diabetiker - kam dem bayerischen Forscher spanisch vor und er schaute sich die Originalarbeit genauer an. Fakt war, dass die Plaqueswerte aller Halsschlagadern in einen Topf geworfen waren, obwohl zum Studienstart nur bei etwa der Hälfte der Teilnehmer Ablagerungen messbar waren. Existieren aber zu Beginn keine Plaques, kann man am Ende natürlich auch keine Änderung in deren Größe messen. Das Gesamtergebnis war entsprechend verwässert – und rechnerisch nicht mehr signifikant. Darauf wiesen auch die Studienleiter hin und werteten diejenigen separat aus, deren Halsschlagadern bei Studieneintritt bereits Ablagerungen zeigten. Dann ergab sich bei den Weintrinkern eine signifikante (also jenseits des Zufalls) Reduzierung des Plaquevolumens und damit gesündere Blutgefäße. Diese nicht weg zu diskutierende Tatsache wurde von den Forschern erläutert, im Report allerdings in einem Nebensatz zum Trend kleinkommentiert und bei der Überschrift vergessen. Der Medienbericht begann dann mit Alkohol schützt das Herz nicht. Und das, obwohl von Herz nie die Rede war.

Mit unzulässiger Übertragung von Diabeteswerten über undifferenzierte Ergebnisse von Halsschlagadern bis hin zum Herz wurden im Nu aus Fakten Postfakten. Und diese multiplizierten sich rasant. Keiner interessierte sich für die Originalarbeit oder eine differenzierte Auswertung; letztere passt allerdings auch nicht in eine 140-Zeichen-Twittermeldung. Da bleibt uns nur noch, die alternativen Fakten in ein paar Gläsern spanischen Tempranillos zu ertränken.

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