Kolumne "Nachgeforscht"

Vom Darm zum Herz

Resveratrol ist ein gesundheitlicher Alleskönner. Am bekanntesten ist seine antioxidative Wirkung im Kampf gegen Krebszellen, gegen Alzheimer und auch gegen die Verkalkung der Herzkranzgefäße, die für Herzinfarkt verantwortlich ist. Wegen seines lebensverlängernden Effekts auf Hefen, Fruchtfliegen und Fische hatte es der Traubeninhaltsstoff bereits vor Jahren zur kleinen wissenschaftlichen Berühmtheit gebracht. Da Mäuse als Säugetiere den Menschen hinsichtlich ihres Innenlebens eher ähneln als Fruchtfliegen, müssen sie oft herhalten, um Wirkmechanismen in und an menschlichen Zellen zu klären. Der geneigte Leser wird mir daher die im Folgenden bemühte Ableitung von Maus zu Mensch nachsehen.

Resveratrol wird relativ schlecht resorbiert, es kommt also wenig im Blut und an den zellulären Wirkorten an. Deshalb wird immer wieder gezweifelt, wie weit die antioxidative Wirkung, die im Reagenzglas nachgewiesen ist, auch in den Herzkranzgefäßen stattfindet. Mittlerweile weiß man aber, dass Resveratrol seine Schutzwirkung vor Herzinfarkt vor allem über das bakterielle Innenleben des Darms entfaltet. Auf dem wissenschaftlich spannenden Weg vom Darm zum Herz haben chinesische Forscher jüngst einen weiteren Meilenstein gesetzt. Gegenstand ihrer Studien war die Darmflora von Mäusen und deren Beeinflussung durch Resveratrol. Die Forscher achteten vor allem auf die Bildung gefäßschädigender Stoffe, die entstehen, wenn sie mit der Nahrung zu viel der vitaminähnlichen Substanz Cholin aufnehmen. Diese ist eigentlich sehr nützlich für den Körper, z. B. für die Produktion des Neurotransmitters Acetylcholin, kann aber auch zu dem biogenen Amin namens TMA (Trimethylamin) umgebaut werden. Was wie viel aus dem Cholin hergestellt wird, hängt maßgeblich von den Darmbakterien ab. Manche bilden besonders viel TMA, was vom Darm übers Blut zur Leber gelangt, wo es in die gefäßschädigenden Substanz TMAO (Trimethylaminoxid) verwandelt wird. Hier unterscheiden sich Mensch und Maus nicht. Mischte man den Mäusen 0,4 % Resveratrol ins Futter, entstand nach einer hohen Cholin-Gabe nur wenig TMA im Darm und folglich auch nur wenig des die Blutgefäße schädigenden TMAO. Nach Blick auf die Darmflora bestätigte die Forschergruppe, dass Resveratrol deren Zusammensetzung erheblich verändert hatte: Es siedelten weniger der problematischen TMA-Bildner im Darm der Tiere; dafür wuchsen vermehrt schützende Milchsäure- und Bifidobakterien, wie wir sie von probiotischen Joghurts kennen. Hegte und pflegte man die Mäuse noch einige Zeit, entwickelten die Tiere mit der Extraportion Resveratrol tatsächlich weniger verkalkte Herzkranzgefäße.

Trotz Vorbehalt hinsichtlich der direkten Übertragung von Maus auf Mensch sind diese Ergebnisse ein weiteres Glied in der Beweiskette, dass und wie Weininhaltsstoffe gesundheitliche Wirkungen entfalten.

Resveratrol wirkt im Darm nur in gelöster Form und nicht als Pulver. In Alkohol ist es besonders gut löslich. Wer meint, sich - Lichtjahre von jeglicher Weinkultur entfernt - mit Anti-Aging-Präparaten aus der Apotheke eine Extraportion Resveratrol gönnen zu müssen, kombiniert sie daher am besten mit einem Glas Wein…aber vorab: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

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