Kolumne "Nachgeforscht"

Die komplizierte Sache mit dem Glück

Can alcohol make you happy? Ein provokanter Titel für eine wissenschaftliche Publikation, der Interessantes verspricht. Britische Forscher der Universitäten Kent und Sussex untersuchten die Beziehung zwischen dem Konsum alkoholischer Getränke und dem Glücklichsein - mit differenzierten Ergebnissen.

Can alcohol make you happy? Man weiß, was sich im Gehirn abspielt, wenn das Glas Wein Endorphine, Dopamin und Serotonin freisetzt, allesamt Botenstoffe des Glücks- und Belohnungssystems. Neurobiologisch alles messbar, aber sozialwissenschaftlich wurde sich bislang wenig an dieses gesundheits- und alkoholpolitisch heikle Glück-und-Alkohol-Thema getraut.

Die englischen Forscher haben die Herausforderung angenommen. Für ihre Suche nach dem Glück legten sie eine Untersuchung mit zwei Studiensträngen an. Der erste ging der längerfristigen (gegenseitigen) Beeinflussung vom Grad an Zufriedenheit und problematischem Alkoholkonsum nach. Dazu wurden 10.000 Personen im Abstand von mehreren Jahren gefragt, wieviel Alkoholisches sie konsumieren und wie sie ihre persönliche Zufriedenheit einschätzen. Die Daten ließen keinen klaren Schluss zu, der einen ursächlichen Effekt von Alkohol auf Langzeit-Glück rechtfertigte. Aber sie zeigten, dass die Unzufriedenen deutlich mehr zu Alkoholproblemen neigten.

Der zweite Studienstrang untersuchte, wie sich Alkoholgenuss auf das kurzfristige Glücksempfinden auswirkt. Methodisch zeitgemäß wurden 31.000 Briten mit Hilfe der iPhone-App Mappiness - mehrmals und nach dem Zufallsprinzip - gefragt, wie glücklich sie sich auf einer Skala von 1 bis 100 fühlen. Und parallel dazu, mit wem sie gerade zusammen sind, was sie gerade machten – und eben, ob sie ein Glas Wein vor sich stehen haben. Eine komplizierte sozialwissenschaftliche Auswertung der Daten ergab eine enge Beziehung zwischen dem momentanen Glücksgefühl und dem Genuss alkoholischer Getränke. Ebenso wie ein angenehmes Umfeld, nette Gespräche oder ein schönes Essen trugen ein oder zwei Glas Wein die Befragten in messbar glücklichere Sphären. Zumindest kurzzeitig.

Dass der Effekt dosisabhängig ist, ist keine Überraschung und deckt sich mit den neurobiologischen Erkenntnissen. Denn bereits geringe Mengen Alkohol aktivieren im Gehirn direkt die Neurotransmitter Serotonin und Co, die an „Glücksrezeptoren“ andocken und in uns das angenehme Zuviel-Brausestäbchen-Gefühl auslösen. Bei ständiger Überbeanspruchung stumpft das Glückssystem allerdings ab und zieht Unzufriedenheit nach sich.

Die Sozialwissenschaftler dieser Studie haben das Pferd von hinten aufgezäumt. Sie gehen von der Persönlichkeit und dem Zufriedenheitsgrad aus. Trinkt ein von Haus aus Unzufriedener mehr als ihm gut tut, wird aus ihm schnell ein unglücklicher und in der Folge oft ein abhängiger Mensch. Und umgekehrt macht bei denen, die generell zufriedener sind mit sich und der Welt, die sich in ihrer Haut wohl fühlen, genießen können und selbst genießbar sind, dann auch das Glas Wein glücklicher. CAN alcohol make you happy? Yes, it CAN!

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