Kolumne "Nachgeforscht"

Der Rieslingman

Mein energiereicher Kollege läuft mir schon morgens im Sportdress über den Weg. Gestern per Fahrrad, heute per Pedes ins Büro. Respekt. Der jung gebliebene Ü-50er findet trotz überquellendem Terminkalender immer noch eine Lücke, seinem gut trainierten Geist Wohnsitz in einem ebensolchen Körper zu erhalten. Zudem schubst er mit Rundmails, die wie Stachel in nicht ganz so gestählte Körper wirken, seine Kollegen zu vinophilen Laufevents, die er alle schon absolviert hat: den Rieslingman, den Weinstraßen- oder den Trollingermarathon.

Wo nimmt der Tausendsassa die ganze Energie her? Entwaffnend lebensfroh: Vom Riesling, Frau Doktor. Und vom Marathon. Naja, Alkohol und Sport sind ja nicht unbedingt ein Traumpaar. Aber eine neue wissenschaftliche Arbeit belehrt mich eines Besseren. Danach hält körperliche Aktivität nicht nur schlank und fit, sondern macht auch alkoholbezogene Schäden unwahrscheinlicher. Zwei unabhängige Forscherteams der Universitäten von London und Sydney werteten über einen Zeitraum von zehn Jahren Trinkverhalten und sportliche Ambitionen von mehr als 36000 britischen Ü-40ern aus.

Erwartetes Ergebnis: Wer zu viel trank, hatte ein höheres Risiko, bestimmte Krankheiten zu entwickeln und daran zu sterben, allen voran Krebs und Leberschäden. Unerwartetes Ergebnis: Regelmäßige körperliche Aktivität hob diese negativen Effekte auf. Unter den Sportlichen, die in moderaten und sogar in übermoderaten Dosen Alkoholisches konsumierten, war kein Anstieg an Krebs- und Lebererkrankungen zu verzeichnen. Zweieinhalb Stunden sportliche Betätigung in der Woche scheint nach dem Resumee der Forscher sogar das eine oder andere Glas zu viel auszugleichen.

Die Wissenschaftler erklären dies so: Alkohol und körperliche Aktivität nutzen im Körper die gleichen Stoffwechselwege – nur in gegensätzlichen Richtungen. Während ein Übermaß an Alkoholischem die Leber von ihrer Arbeit abhält, die schädlichen Fettsäuren zu beseitigen, geht Sport den umgekehrten Weg und verbrennt das Fett. Krank machende Fettablagerungen und folgenschwere Entzündungen in der Leber bleiben aus. Darüber hinaus finden sich im Blut von sportlichen Weintrinkern weniger Zucker und Insulin, wichtige Indizien für die Gesunderhaltung der Leber und anderer Organe.

Steillagenwinzer können dieses Nachgeforscht getrost überblättern. Tagsüber durch den Wingert, ausgewogene Mahlzeiten und abends zwei Gläser Wein…. Auch ohne wissenschaftliche Untersuchung kommt diese Komposition einer Garantie für ein langes gesundes Leben recht nahe.

Aber es geht auch ohne Steillage und Marathon. Zweieinhalb Stunden Bewegung in der Woche kriegen sogar wir Schreibtischtäter zusammen. Die Glücklichen mit kurzer Anreise könnten ab und zu mit dem Rad zur Arbeit fahren. Wenn sie dann noch die eine oder andere die Zum-Sport-Auffordernde-Rundmail des Rieslingman positiv beantworten, machen sie diesen froher als er ohnehin ist und halten sich selbst in Form. Für die Zugfahrer zählt schon der tägliche 20-Minuten-Fußmarsch von der Bahn zum Büro. Und wenn diese auf dem Rückweg noch ein oder zwei Stationen früher aussteigen und die Reststrecke mit Muskelkraft meistern, sind sie klar im Vorteil. Es kann also auch Gutes haben, wenn der tägliche Weg zur Arbeit etwas länger ist… Man muss halt einfach was draus machen. Und kann sich abends getrost mit einem Glas mehr belohnen.

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