Kolumne "Nachgeforscht"

Weinkultur - ein alter Hut?

Die heimische Jugend ist zum Chillen mit Freunden verabredet …. Im Gepäck eine 5 Liter-Bag-in-Box, ein paar Plastikbecher, ein undefinierbares Trinkgemisch in Dosen, Chips…. Ich grummele ihnen nach: Weinkultur ist aber was anderes! Ja, was denn, fragen mich vier Augen?

Das war auch die Frage auf dem jüngsten Parlamentarischen Abend des DWV. Der Kommunikationsfachmann präsentiert die Ergebnisse einer dahingehenden Umfrage unter etwa 200 Personen mit und ohne Weinbezug. Knapp die Hälfte war unter 30, ein Drittel über 50 Jahre.

Auf die Frage nach der Verbindung zum Begriff Weinkultur wurde unabhängig vom Alter am meisten Genuss genannt, dicht gefolgt von Freunde, Geselligkeit, dann Landschaft, Essen (mehr von den Ü-50ern) und Events (mehr von den Jüngeren).  Trinkkultur definieren die meisten als Weinkonsum in genussreichem Umfeld. U-30er und Ü-50er - alle meinten hier im Prinzip dasselbe. Ob das jetzt Weinfest oder Event heißt, ob man in eine Straußwirtschaft oder Weinbar geht…. Die Generationsvariable ist laut des Kommunikationsexperten nur die Bezeichnung. Junge chillen, Alte machen sich‘s gemütlich.

Und was geht gar nicht? Wein und Rauchen, Besäufnisse, Tetrapack und Fast Food… obwohl sich immerhin fünf der unter 30jährigen Wein am Burger-Truck vorstellen konnten.  

Interessanterweise war für die klare Mehrheit - altersunabhängig -  Weinkultur noch zeitgemäß (statt überholt). Das zeigt, dass Kultur als dynamischer Prozess wahrgenommen wird und bedient den Begriff vom Wortursprung cultura her, nämlich etwas, was der Mensch selbst schafft, umgestaltet, weiterentwickelt - im Gegensatz zu dem, was allein die Natur vorgibt.

Dass Kultur im Allgemeinen wie auch Weinkultur im Speziellen sich wandelt und den Prägungen des Zeitgeists unterliegt, verdeutlichten beispielhaft die Antworten zur Frage Kork oder Schraubverschluss? Für nahezu alle Befragten waren beide Varianten kulturell gleichwertig. Vor wenigen Jahren noch galt ein Schraubverschluss auf Weinflaschen als Kulturbruch. Heute ziert die Mehrheit der deutschen Weine - auch die hochpreisigen - kein Kork mehr.

Man diskutiert noch lange an diesem Parlamentarischen Abend…. Intelligent schelmisch provoziert die anwesende Weinkönigin, 21 Jahre jung und quasi mit den Korkalternativen aufgewachsen, mit der Bemerkung, ob ein derartiger kultureller Wandel vielleicht auch mit der Verpackung von statten gehen könnte, nachdem fast alle Befragten die kulturelle Zukunft des Weins nur in Glasflaschen sehen. Wein aus Tetrapacks oder Dosen? Mir Ü-50erin graut es allein bei dem Gedanken….

Einig ist sich die weinparlamentarische Runde darin, dass moderne Weinkultur kein Gegensatz in sich ist. Weinkultur verträgt – andere meinen sogar braucht -  auch Innovationen – sowohl technologischer Art als auch hinsichtlich Vermarktung und Konsummuster. Jemand wirft ein, dass ausschlaggebend die Wertschätzung ist, die ich dem Wein und seinen Produzenten entgegenbringe. Das gefällt mir. Auch dass Wein etwas Besonderes ist und bleiben muss, ein kultiviertes Naturprodukt, das man bewusst genießt und mit Lebensfreude verbindet ... wunderbar! Ob man das jetzt Kultur nennt oder nicht.

Unsere auf schönem Geschirr platzierte November-Gans wird von einer Flasche Frühburgunder  - in richtigen Gläsern - begleitet. Die hauseigenen U-30er erfreuen sich an beidem. Geht doch … mit der Kultur! werfe ich etwas besserwisserisch über den Familientisch. Die prompte Antwort: Aber vielleicht geht ja auch anders?

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