Kolumne „Nachgeforscht“

Ohne Wenn und Aber

Ist sie nicht süß? Das Foto des ersten Enkelkinds meiner Freundin erreicht mich kurz vor unserem Berliner Fachgespräch mit der Bundes-Drogenbeauftragten und Parlamentariern aller Fraktionen. Dort soll es um WINE in MODERATION, um Weinkonsum zwischen Genuss und Missbrauch gehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass Drogenexperten bei dieser Thematik einen anderen Blickwinkel haben als Weinproduzenten. Man nimmt der Drogenbeauftragten aber ab, dass sie versucht, beide Seiten zu sehen. Sympathisch und glaubwürdig legt sie ihre differenzierte Sichtweise dar, weit weg von bauchgesteuerter Ideologisierung. Sie trinke auch gerne ein Glas Wein, nicht jeden Tag und selten ein zweites. Aber ihre Haltung ist klar. Auch Wein enthält Alkohol und der ist bei unmäßigem Konsum immer schädlich. In bestimmten Lebenssituationen, wie in der Schwangerschaft, ist auch moderat nicht angesagt. Diesen differenzierten Blick erwartet die Drogenbeauftragte – mit Recht – auch von der Weinwirtschaft. Sie ermuntert uns in dem Bemühen, auf ein genussorientiertes moderates Trinkverhalten hinzuwirken. Ein wenig deutlicher wünscht sie sich unsere Positionierung zum Weinverzicht in der Schwangerschaft. Das Bewusstsein für die mögliche Beeinflussung des Kindes, die sich auch nach einem Gläschen in Ehren schon äußern könne, müsse in der Gesellschaft weiter geschärft werden. Nach Studienergebnissen trinkt über die Hälfte der Schwangeren gelegentlich alkoholische Getränke - und zwar quer durch alle Bevölkerungs- und Bildungsschichten. Als Mutter zweier wunderbarer Kinder schlucke ich unmerklich, als sie nüchtern von jährlich 10000 alkoholgeschädigten Kindern spricht, davon 2000 mit dem schwerwiegenden Fetalen Alkoholsyndrom. Alkohol ist ein kleines Molekül, das leicht die Plazentaschranke überwindet; das Ungeborene trinkt bei jedem Glas mit. Die unfertige Leber ist überfordert, was kaum wieder gut zu machende Folgen hat. Die Alkoholschädigung lässt sich mit dem geringen Kopfumfang, der dünnen Oberlippe, der charakteristischen Augen-, Nasen- und Kinnform oft bereits am Gesicht ablesen. Organfehlbildungen, niedriger Intelligenzquotient und gestörte Verhaltensweisen komplettieren das Krankheitsbild. Dieses Paket aus - vermeidbaren - geistigen, emotionalen und körperlichen Defiziten schleppen die Kinder ein Leben lang mit sich.
Ich schaue in unsere Runde. Alle Verantwortungsträger der Weinwirtschaft – IHK Trier, Raiffeisen- und Weinbauverband, Verbände der Wein- und Sektkellereien - sind betroffen und resümieren ihre nüchterne Pflicht: Ohne Wenn und Aber positionieren wir uns gegen jeglichen Weinkonsum in der Schwangerschaft. Keine Verharmlosung eines Glases Sekt oder Wein. Kein Interpretationsspielraum. Wir sprechen über eine konzertierte Aktion, wie wir dies noch intensiver in die Branche bringen.

Es kann so viel schief gehen auf dem Weg von zwei Zellen zu einem aufgeweckten Enkelkind, wogegen man machtlos ist. Aber man kann das Risiko mindern: sich vernünftig ernähren, nicht zu rauchen und keinerlei alkoholische Getränke konsumieren – über den kompletten sensiblen Zeitraum. Noch am Abend unseres parlamentarischen Fachgesprächs schicke ich eine SMS zurück zur frisch gebackenen stolzen Oma. Ich freue mich mit ihr über die wirklich süße und gesunde Enkelin. Auf den guten Start in ein hoffentlich glückliches Leben werden wir Alten bei nächster Gelegenheit mit einem guten Tropfen – mit oder ohne Alkohol – anstoßen. 

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