Kolumne „Nachgeforscht“

Kann Alkohol ein Freund sein

Alkohol ist nicht dein Freund. Diese Parole in schwarzer Schrift auf weißem Grund und rot umrandet ziert laut dem jüngst verabschiedeten türkischen Anti-Alkohol-Gesetz künftig die Weinetiketten.

Noch gut erinnere ich mich an den gelungenen letztjährigen OIV-Welt-Kongress in Izmir. Beeindruckende Weine in einer besonderen Atmosphäre – präsentiert von einem wunderbaren Weinland, das sich seiner Wurzeln bewusst ist. Schließlich wurde im mesopotamischen Gebiet der heutigen Türkei vor Jahrtausenden bereits Wein angebaut. Die Nähe zum Rebensaft korrespondierte im Laufe der Geschichte allerdings häufig mit den jeweiligen politischen Köpfen. Atatürk ganz nah, Erdogan weit weg.

Obwohl laut dem nationalen Statistikinstitut nur 15% der Türken Alkoholisches konsumieren, scheint das Land am Bosporus ähnliche Probleme mit dem übermäßigem Alkoholkonsum bei Jugendlichen zu haben wie wir. Denn nicht aus religiösen Gründen, sondern mit dem Argument des Jugendschutzes wurde das Anti-Alkohol-Gesetz auf den Weg gebracht, das dem wieder aufstrebenden Weinland Türkei einen herben Schlag versetzt: keinerlei Sponsoring mehr bei kulturellen Veranstaltungen, zeitliches und räumliches Verkaufsverbot, Senkung der Promillegrenze, massive Werbebeschränkungen, Piktogramme , die Jugendliche, Schwangere und Autofahrer vor Alkohol warnen sollen.
Kennen wir doch alles. Man braucht nicht erst in die Türkei zu schauen. Derartige Maßnahmen – teils noch strenger - gibt es bereits in westlichen Ländern. So dürfen auch in Skandinavien alkoholische Getränke nur zu bestimmten Zeiten und in speziellen Läden verkauft werden. In Norwegen ist Alkoholwerbung tabu. Das französische Loi Evin zielt in die gleiche Richtung und mehrere EU-Staaten haben Pläne dazu in der Schublade.

Obwohl einem Weinfreund naturgemäß derartige Restriktionen sauer aufstoßen, sind einige Ansätze zumindest nachvollziehbar. Aber man kann auch ordentlich überziehen. Und das ist mit dem neuen Gesetz ganz klar geschehen: So müssen türkische Gaststätten künftig 100 Meter Abstand zu Gotteshäusern und Bildungseinrichtungen halten. Aufgrund der Moscheen- und Schuldichte in Istanbul kommt dies einem Verkaufsverbot in der ganzen Stadt gleich.

Auch das neue Werbeverbot lässt keine Eventualitäten zu. Es untersagt den türkischen Winzern sogar, ein Foto ihres Weinbergs ins Internet zu stellen und gibt dem Handel vor, dass von der Straße aus keine Flaschen zu sehen sein dürfen.

Besonders seltsam werden in der Türkei künftig Filme und Fernsehsendungen anzuschauen sein, die gepixelte Flaschen und Gläser zeigen. Denn diese Unkenntlichmachung fordert das Gesetz immer dann, wenn Bier, Wein oder Raki getrunken wird.

Für mich persönlich das Schlimmste… Ein „Nationaler Alkoholkontrollplan“ sieht vor, dass Gesetzesverstöße anonym über eine Hotline gemeldet werden können. Erinnert sehr an George Orwells 1984. Für die Jüngeren: 1984 ist der 1949 geschriebene Kult-Roman über einen Überwachungsstaat mit Gedankenpolizei und ohne jegliche Privatsphäre…

Alkohol ist nicht dein Freund. Meiner auch nicht. Aber Wein bzw. derjenige, der ihn mit Maß, Stil und mir genießen kann, ist es. Zum Wohl.

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