Wissenschaftlicher Überblick

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

 

GERINGERES HERZINFARKT- UND SCHLAGANFALLRISIKO

Herzinfarkt ist die Todesursache Nummer 1 in der westlichen Welt. Eine sichere Methode der Vorbeugung gibt es immer noch nicht. In den letzten 40 Jahren haben Studien belegt, dass bei einem moderaten Konsum alkoholischer Getränke die Rate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (v.a. an tödlichem und nicht-tödlichem Herzinfarkt) deutlich niedriger ist als bei Abstinenz. Die Senkung des Herzinfarktrisikos bei maßvollem Genuss rangiert im Bereich von 20 bis 30%. Dieser Zusammenhang gilt für Männer wie für Frauen und ist mit zunehmender Prävalenz von Risikofaktoren, so vor allem auch im höheren Lebensalter, besonders ausgeprägt. Eine neue groß angelegte Analyse hat dies nun erstmals explizit für Frauen im mittleren und höheren Lebensalter bestätigt. Da zu dieser Zeit die Risiken für Herz- und Gefäßleiden der Frauen deutlich ansteigen, kommt dieser Erkenntnis eine besondere Bedeutung zu.

Auch das Schlaganfallrisiko vermindert sich durch leichten oder maßvollen Genuss alkoholischer Getränke (s. auch Thema Schlaganfall). Eine aktuelle Studie aus England bestätigt erneut die günstigen Auswirkungen auf eine Vielzahl von Herz- und Gefäßkrankheiten. Darüber hinaus widerlegt sie eindeutig die bei solchen Studien teilweise geäußerte Kritik einer „echten“ Vergleichsgruppe. Die Verfügbarkeit umfangreicher Patientendaten ermöglichte, dass in die Gruppe der Abstinenzler nicht auch ehemalige Abhängige oder Personen, die den Konsum aus Krankheitsgründen aufgegeben hatten, aufgenommen wurden. 1

In einem kürzlich veröffentlichten Kommentar bezweifeln darüber hinaus zwei Wissenschaftler aus Boston, ob – wie z. B. von den Autoren einer aktuellen Meta-Analyse gefordert - lebenslange Nichttrinker die optimale Vergleichsgruppe darstellen. Schließlich handele es sich bei ihnen um eine sehr kleine, nicht repräsentative Bevölkerungsgruppe. In der Analyse war die vielfach gezeigte J-förmige Beziehung zwischen dem Konsum alkoholischer Getränke und der Sterblichkeit an koronaren Herzkrankheiten in Frage gestellt worden. Mit den passenden statistischen Methoden und bei genauerem Hinsehen bestätige die Studie jedoch eher die erstaunliche Konsistenz der seit 40 Jahren immer wieder beobachteten Zusammenhänge, wonach der maßvolle Genuss alkoholischer Getränke im Vergleich zur Abstinenz mit verringerten Krankheits- und Sterberisiken einhergeht.1

Die schützende Wirkung moderater Mengen lässt sich auch bei Personen mit vorbestehenden Erkrankungen beobachten. So gibt es Hinweise darauf, dass auch Diabetiker und Patienten, die bereits einen Infarkt hatten, von maßvollem Weingenuss profitieren können. Es wurde gezeigt, dass bei gut eingestellten Diabetikern der moderate Weinkonsum im Rahmen einer gesunden Ernährung zu Verbesserungen im Fett- und Zuckerstoffwechsel führen und damit das kardiometabolische Risiko leicht senken kann. Auch Menschen mit Bluthochdruck und Metabolischem Syndrom müssen nicht zwangsläufig auf Wein verzichten, da dieser die Wirksamkeit des Insulins verbessern und die Gefäße erweitern kann.2

SCHUTZEFFEKTE EINES MODERATEN KONSUMS alkoholischer Getränke

Wie ein maßvoller Konsum alkoholischer Getränke Herz und Gefäße schützen kann, ist gut untersucht. Folgende Schutzeffekte3 sind durch viele Studien belegt:

  • Senkung der arteriosklerosefördernden Bluttfette LDL und Lipoprotein(a), Steigerung des herzschützenden HDL-Cholesterins und des günstigen APoA-I
  • Senkung der Blutgerinnungsneigung und bessere Auflösung von Blutgerinnseln
  • Förderung entzündungshemmender Prozesse (Schutz der Gefäßwandfunktion)
  • Verbesserung der Insulinempfindlichkeit, d.h. geringeres Diabetesrisiko

Die amerikanische ARIC-Studie aus dem Jahr 2016 bestätigt erneut einen dieser Schutzeffekte: Leichter bis moderater Konsum alkoholischer Getränke bewirkt günstigere Blutfettwerte als bei Abstinenz. Jedoch weist die Studie eine Besonderheit auf. Sie berücksichtigt anhand einer speziellen Methode („Mendel Randomisierung“) auch genetische Daten der Probanden. Das ermöglicht eine relativ sichere Aussage darüber, ob die besseren Werte wirklich auf den moderaten Konsum zurückzuführen sind oder nicht vielleicht auf andere günstige Einflüsse wie z. B. Lebensstil, Alter oder soziale Rahmenbedingungen der Konsumenten. Das Ergebnis: Der gefundene Zusammenhang ist mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich ursächlich.3

Während die positiven Einflüsse auf den Fettstoffwechsel schon seit langem bekannt sind, widmet man sich den anderen günstigen Einflüssen erst in jüngerer Zeit. So zeigt eine italienische Studie aus dem Jahr 2015, dass der moderate Konsum von Weißwein entzündungshemmend wirkt. Im Kontext einer mediterranen Ernährung kann er dazu beitragen, chronischen Entzündungen und Herzgefäßleiden vorzubeugen.3

BEDEUTUNG DES TRINKMUSTERS

Ein maßvoller Genuss alkoholischer Getränke kann das Herzinfarktrisiko vergleichbar senken wie viele andere Lebensstilmaßnahmen (z. B. gesunde Ernährung und Bewegung). Es kommt neben der Menge auch auf das Trinkmuster an. Moderater und regelmäßiger Konsum schützt Herz und Gefäße, wenn er - wie er in mediterranen Ländern üblich - zum Essen erfolgt, gleichmäßig über die Woche verteilt und überwiegend in Form von Wein. Exzessives Trinken am Wochenende schadet hingegen.1 Trotz eventuell gleicher Trinkmengen pro Woche kann also bei unterschiedlichem Trinkmuster die Wirkung auf die Gesundheit ganz unterschiedlich ausfallen. Das bestätigt eine Analyse eines Forscherteams aus Dresden: Moderate Trinkmengen und günstige Trinkmuster führen zu verminderter Sterblichkeit durch Herz- und Gefäßleiden. Das Besondere an der Studie: Die Wissenschaftler bedienten sich einer Methodik, mit der häufige Kritikpunkte bei Auswertungen früherer Arbeiten berücksichtigt werden konnten, die teilweise zu verfälschten Ergebnissen führten.1

DER EINFLUSS DER GETRÄNKEART

Nicht alle Studien unterscheiden, welche alkoholischen Getränke konsumiert werden. Eine Auswertung jener Studien, bei denen dies erfolgt, weist für Weingenuss eine deutlichere Risikominderung in Bezug auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Gesamtsterblichkeit auf. So zeigt eine spanische Publikation, dass (polyphenolreicher) Wein deutlicher antioxidativ und antientzündlich als (polyphenolarmer) Gin wirkt. Diese gefäßschützenden Effekte führen die Forscher auf die phenolischen Begleitstoffe zurück. In einer weiteren Übersichtsarbeit kommen die Autoren zu dem Schluss, dass sowohl der Alkohol als auch die Polyphenole verschiedene positive gesundheitliche Wirkungen entfalten können, die sich addieren.4

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