Wissenschaftlicher Überblick

Allgemeine Gesundheitsaspekte

Wissenschaftliche Datenlage zum Einfluss von Alkohol auf die Gesundheit

Über Jahrzehnte zeigt die wissenschaftliche Datenlage sehr konsistent und biologisch plausibel, dass ein moderater Genuss mit verminderten Risiken für verschiedene Erkrankungen einhergeht. Dennoch fehlen langfristig angelegte Interventionsstudien, um letzte Zweifel auszuräumen. Als Goldstandard gelten hier randomisiert-kontrollierte Studien.

Ein Team renommierter amerikanischer Wissenschaftler hat 2016 zusammengetragen, was nötig wäre, um einen solchen Goldstandard bei Studien zu erreichen:

  • Die Studie muss groß genug sein (um allgemeingültige Ergebnisse zu liefern),
  • sie muss Menschen mit einem erhöhten Risiko für chronische Krankheiten umfassen (um schnellstmöglich belastbare Ergebnisse zu erhalten),
  • die Intervention muss für alle Teilnehmer einfach und attraktiv sein - auch für die Kontrollgruppe (um die Abbrecherquote möglichst gering zu halten) und
  • neben dem Auftreten chronischer Erkrankungen sollte die Gesamtsterblichkeit untersucht werden.1 

Sterblichkeitsrisiko

Der moderate Konsum alkoholischer Getränke kann im Rahmen eines gesunden Lebensstils das Sterblichkeitsrisiko senken. Wer maßvoll trinkt, hat ein geringeres Risiko als jemand der abstinent ist oder sehr viel trinkt. Das hängt in erster Linie mit den günstigen Wirkungen des Alkohols auf die kardiovaskuläre Gesundheit zusammen. Das gilt für beide Geschlechter. Eine neue groß angelegte Analyse hat dies nun erstmals explizit für Frauen im mittleren und höheren Lebensalter bestätigt. Da zu dieser Zeit die Risiken für Herz- und Gefäßleiden der Frauen deutlich ansteigen, kommt dieser Erkenntnis eine besondere Bedeutung zu.

Das Risiko steigt jedoch dramatisch mit jedem Getränk, das über einen maßvollen Genuss hinausgeht. Während also ein oder zwei Gläser als „gut für die Gesundheit“ betrachtet werden können, bringen Trinkmengen, die über den empfohlenen Richtwerten liegen, keinen weiteren Nutzen, sondern mehr Schaden. Studien belegen, dass das Konsumieren von großen Alkoholmengen in kurzer Zeit (binge drinking) schädlich für die Herzgesundheit ist und die Sterblichkeit erhöht. Exzessiver Konsum alkoholischer Getränke wird mit einer Reihe von langfristigen chronischen Krankheiten in Verbindung gebracht. Neben kardiovaskulären Problemen und Bluthochdruck zählen dazu Leberzirrhose, Alkoholabhängigkeit, verschiedene Krebsformen und alkoholbedingte Hirnschädigungen.

Es kommt jedoch nicht nur auf die Trinkmenge an, sondern vor allem auch auf das Trinkmuster und die Art des konsumierten Getränks, wie eine Übersichtsarbeit aus Kroatien erneut bestätigt. So geht insbesondere das so genannte mediterrane Trinkmuster mit den positiven Effekten wie z. B. einer verminderten Gesamtsterblichkeit einher. Dieses steht für den moderaten Konsum von Wein und dessen Genuss zum Essen. Den Autoren zufolge spricht alles dafür, dass der Wein seine gefäßschützenden Effekte vor allem in den Stunden nach dem Essen entfaltet.

Die Relevanz des Trinkmusters wird besonders deutlich in Studien, die Länder mit unterschiedlichen Lebensstandards einschließen. Exemplarisch dafür steht die PURE-Studie (Prospective Urban Rural Epidemiological Study)! Sie zeigt, dass in armen Ländern keine gesundheitlichen Vorteile durch den moderaten Genuss alkoholischer Getränke zu beobachten sind. Dies scheint in erster Linie den kulturellen Gegebenheiten sowie den unterschiedlichen Lebenssituationen und Konsummustern geschuldet zu sein. So finden sich in ärmeren Ländern fast ausschließlich männliche Konsumenten mit niedrigerem Bildungsniveau, die episodisch viel Spirituosen, aber kaum Wein trinken und zudem deutlich mehr rauchen.

Dass sich jedoch ein gesunder Lebensstil günstig auf die Lebenserwartung auswirkt, ist naheliegend. Wie stark dieser Einfluss ist und welche Faktoren dazu gehören, analysierten aktuell amerikanische Forscher. Aus den Daten zweier großer Beobachtungsstudien ließ sich ableiten, dass neben (möglichst lebenslangem) Nicht-Rauchen, einem normalen Körpergewicht, regelmäßiger Bewegung und gesunder Ernährung ein maßvoller Weingenuss einen von fünf gesunden Lebensgewohnheiten darstellt. Bei einer Kombination aller fünf Lebensstilfaktoren errechneten die Wissenschaftler für 50-jährige Frauen 14 zusätzliche und für 50-jährige Männer 12 weitere Lebensjahre.2

Für Verunsicherung hat allerdings eine aktuelle große Studie gesorgt, die weltweit über Fach- und Publikumsmedien mit Überschriften wie „Verkürzt schon ein Glas Wein das Leben?“ oder „Forderung nach niedrigeren Richtwerten für Alkohol“ kommuniziert wurde. Der wissenschaftliche Beirat der DWA kritisiert jedoch nach genauer Analyse der Studie in seiner Stellungnahme insbesondere die nicht plausible Wahl der Referenzgruppen für die verschiedenen Auswertungen. Zudem handele es sich um eine gepoolte Auswertung reiner Beobachtungsstudien (Korhortenstudien), die grundsätzlich keine Kausalität, sondern nur Assoziationen aufzeigen können, aus denen sich keine klar definierten Empfehlungen ableiten lassen. Auch bleibe die J-förmige Risikokurve bei kritischer Betrachtung der Originaldaten der Studie bestehen, womit die gesundheitlichen Benefits bei wenig bis moderatem Konsum bestätigt sind.

RISIKOFAKTOR ÜBERGEWICHT

Übergewicht gilt als ein bedeutender gesundheitlicher Risikofaktor. Es geht mit einer erhöhten Rate für arteriosklerotische Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Gicht einher. Auch Gallenstein- und Venenleiden, Herzinsuffizienz, degenerative Gelenkerkrankungen und bestimmte Krebsformen wie Darm- und Brustkrebs werden mit Übergewicht in Verbindung gebracht. 

Als Ursache wird neben anderen Lebensstilfaktoren auch auf den „zu hohen Alkoholkonsum“ verwiesen. Da Alkohol mit 7 kcal/g eine höhere Energiedichte besitzt als Eiweiß und Kohlenhydrate mit jeweils 4 kcal/g, gilt der Genuss alkoholischer Getränke als ein Risikofaktor für Übergewicht.

Obwohl seit Jahren der Konsum alkoholischer Getränke in unseren Landen rückläufig ist, wird er immer wieder für die Zunahme von Übergewicht in unserer Gesellschaft mitverantwortlich gemacht. Umgekehrt wird zur Prävention und Therapie empfohlen, den Genuss solcher Getränke einzuschränken. Das steht jedoch konträr zu den Ergebnissen der epidemiologischen Forschung: Tatsächlich findet sich in den vorliegenden Studien mehrheitlich kein einheitlicher Zusammenhang zwischen der Höhe des Konsums alkoholischer Getränke und dem Ausmaß von Übergewicht. Das bestätigt eine aktuelle amerikanische Studie, bei der eine Untergruppe von knapp 15.000 Männern aus der großen Health Professionals Follow-up Studie (HPFS) untersucht wurde. Durch den Mehrkonsum eines Glases Wein pro Vierjahresperiode kam es in keiner Gewichtsklasse und auch in keiner Altersgruppe zu einer signifikanten Gewichtszunahme.3

RISIKOFAKTOR GALLENSTEINE

Gallensteinleiden stellen einen anerkannten Risikofaktor für verschiedene Erkrankungen wie Herz- und Gefäßkrankheiten, für nichtalkoholische Leberverfettung, entzündliche Darmerkrankungen und Dickdarmtumore dar. Bis zu 5% der Männer in Europa und bis zu 6% der jungen Frauen (bis 30) leiden an Gallensteinen, in den USA sogar rund 17% der Frauen und knapp 9% der Männer.

Risikosteigernd wirken sich das Alter, starkes Übergewicht und ein gestörter Zuckerstoffwechsel aus. Als risikosenkend gilt Kaffeegenuss. Auch der Konsum alkoholischer Getränke zeigt in etlichen Studien einen senkenden Effekt, jedoch nicht in allen. Eine aktuelle chinesische Meta-Analyse hat dazu nun alle verfügbaren und relevanten Untersuchungen zusammengefasst. Das Ergebnis: Das Risiko für Gallensteine bei Personen mit dem höchsten Konsum (bis über 50 g täglich) war um signifikante 38% niedriger als bei jenen mit dem geringsten (bis zur Abstinenz). Eine Dosis-Wirkungs-Analyse ergab, dass das Gallensteinrisiko pro 10 g täglich aufgenommenem Alkohol um 12% sinkt. Die Autoren vermuten einen Effekt des Alkohols per se, beispielsweise über eine Steigerung des HDL-Cholesterins. Für eindeutige Aussagen ist hierzu jedoch weitere Forschung nötig.

Selbstverständlich ist das Ergebnis kein Freibrief für große Trinkmengen. Denn die insgesamt geringsten Gesundheitsrisiken finden sich immer nur bei moderatem Konsum: mit bis zu 20 Gramm Alkohol pro Tag für Frauen und 30 Gramm für Männer (entsprechend etwa einem bis zwei Gläsern Wein).4

RISIKOFAKTOR DEPRESSION

Der Genuss alkoholischer Getränke wird gelegentlich mit einem erhöhten Depressionsrisiko in Verbindung gebracht. Ein problematisches Trinkverhalten tritt tatsächlich häufig gemeinsam mit Depressionen auf. Doch möglicherweise neigen Menschen mit Depressionen einfach dazu, ein problematisches Trinkverhalten zu entwickeln. Die große spanische PREDIMED-Studie hat herausgefunden, dass moderater Weingenuss das Risiko für Depressionen verringern kann5.

Verwandte Themen

Diabetes mellitus

Weiterlesen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Weiterlesen